„Warum Dürrenmatt?“ könnte die Überschrift zu diesen Gedanken auch lauten. Präsentiert das TheaterLaien heute nicht eine verstaubte Moralkomödie der Wirtschaftswunderzeit? Ich denke nicht, aber lesen Sie selbst:
Man kann Dürrenmatts Werk von vielen Seiten her beleuchten: Da ist Alfred Ill mit seinem eingefahrenen Leben, in das unfreiwillig eine beachtenswerte Dynamik einbricht. Da ist die Alte Dame mit der Forderung nach Gerechtigkeit und der Frage, ob ihre Forderung gerechtfertigt ist und, wenn ja, auch die Umsetzung der Forderung? Ich möchte mich auf die Rolle der Güllener beschränken, Mitläufer und Gleichgültige, Menschen, die uns allen sehr nahe stehen und uns vielleicht ähnlicher sind, als wir es wahrhaben wollen.
Was als harmlose Provinzposse zu beginnen scheint mit dem reichlich ungeschickten „Mehr Schein als Sein“ der Güllener, entgleitet dem beschaulich Kleinbürgerlichen zu einer Menschenjagd und endet im gemeinschaftlichen Mord an Alfred Ill. Damit ist Dürrenmatts Stück zeitlos und aktuell zugleich. Der Topos des gemeinschaftlichen Mordes ist ein alter. Schon in der Antike wurde Cäsar im Jahre 53 v. Chr. von den römischen Senatoren gemeinsam erstochen: Dadurch, dass jeder zustach, wurde die Schuld verteilt, nach Auffassung der Täter sogar aufgehoben, denn „ohne meinen Stich wäre Cäsar ja trotzdem tot“. Hinzu kommt die Zeugengemeinschaft à la „mitgehangen, mitgefangen“, aus der sich niemand im Nachhinein herausstehlen kann. Auch in der Literatur gibt es zahlreiche Variationen zu diesem Thema, erwähnt sei nur Agatha Christies berühmter „Mord im Orientexpress“, bei dem einem verhassten Menschen gemeinschaftlich der Garaus gemacht wird.
Doch wir brauchen uns nicht in den Bereich der Fiktion zurückzuziehen: Noch vor wenigen Wochen berichtete die Presse über den Brauch bei Exekutionen in US-Gefängnissen, dass eines der Gewehre mit Platzpatronen geladen ist, auf dass jeder der Henker sich im Glauben wiegen kann, sein Schuss sei nicht der tödliche gewesen. Noch näher, und dies sei das letzte Beispiel, das brandenburgische Dorf Dolgenbrodt, wo in den 90er Jahren die Einwohner gemeinschaftlich eine Skinhead-Gang angeheuert und dafür bezahlt haben, dass diese das örtliche Asylbewerberheim in Brand steckte.
Dies wirft grundlegende Fragen auf: Wie kommt es zu solch einer Verschwörung? Welche Entscheidungskompetenz bleibt dem Einzelnen? Was bleibt am Ende?
Ich möchte den Fragen anhand des Ihnen heute präsentierten Stückes nachgehen. Am Anfang ist der Alltag, der graue Alltag ohne Hoffnung und Perspektive („Das einzige Vergnügen, was wir noch haben: Zügen nachschauen.“). Da blitzt am Ende des Tunnels ein neuer Stern auf: Geld! Allein die Vorstellung der Milliarde von Claire Zachanassian treibt die Phantasie der Güllener an – und ihre Kauflust. Ob die Bedingung, die an die Vergabe der Milliarde geknüpft ist, immer mitgedacht wird, wage ich zu bezweifeln. Sonst könnte ich nicht erklären, dass auch Ills Familie munter beim „Shoppen“ mitmischt. In einer römischen Weisheit heißt es „et respice finem“ – nein, die Güllener bedenken das Ende und die Konsequenzen ihres Handelns nicht. Immer tiefer verstricken sie sich in Schulden und damit in Schuld, denn die materiellen Schulden lassen sich nicht abtragen, ohne an Ill schuldig zu werden.
Wem dies auffällt, der versucht, den Teufelskreis zu durchbrechen, so der Pfarrer („Flieh! Führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst.“) oder der Lehrer in seiner mutigen Ansprache in Ills Laden („Ach, Ill. Was sind wir für Menschen? Die schändliche Milliarde brennt in unseren Herzen.“). Doch – und auch das scheint charakteristisch zu sein, wenn nicht ein glücklicher Zufall alle Menschen, die noch guten Willens sind, zusammenführt, dann erdrückt die Mehrheit der Mitläufer die wenigen Aufrechten und lässt sie gleich dem letzten frischen Apfel im Korb bald auch Schimmel ansetzen und sich einem blauäugigen Traum vom besseren Leben hingeben.
Am Ende stehen zwei Dinge: Ill gibt die Verantwortung für das Abzusehende an die Güllener zurück: „Ich unterwerfe mich eurem Urteil, wie es auch ausfalle. Für mich ist es die Gerechtigkeit, was es für euch ist, weiß ich nicht. Gott gebe, dass ihr vor eurem Urteil besteht.“ Damit ist die Frage der Gerechtigkeit, wie sie Claire Zachanassian begehrt, vordergründig geklärt; Ill bekennt sich schuldig, und durch die Vollstreckung des Urteils wird diese Schuld gesühnt. Doch offen bleibt Gerechtigkeit auf der zweiten Ebene: Wer richtet die Güllener, die Ill um einer Milliarde Willen verraten haben wie ihrerzeit die beiden Eunuchen Claire „um eine Flasche Schnaps“? Auch wenn die Menschenleben von Claire Zachanassian und von Alfred Ill höchst unterschiedlich taxiert werden, macht dies einen Unterschied für das Urteil, das wir über Güllen zu sprechen haben? Oder für das Urteil, das über uns gesprochen werden wird, die wir tagtäglich Menschen verraten um weit weniger als eine Milliarde?
Das zweite ist der Scheck. Ob eingelöst oder verweigert, lässt Oliver Schürmann in seiner Dürrenmatt-Interpretation bewusst offen. Denn vielleicht besteht die Gerechtigkeit der Frau Zachanassian gerade darin, dass sie am Ende den Güllenern vorführt, dass es nicht möglich ist, sich mit neuer Schuld von alter Schuld reinzuwaschen. Dass es am Ende nicht zum Ziel führt, auf Kosten eines Sündenbocks das selbstverschuldet verfahrene Leben gerade zu rücken. Und vielleicht sogar: Dass diese Welt böser ist als erwartet und befürchtet, dass die Milliardärin es einfach nicht nötig hat, Wort zu halten, so wie von den Güllenern auch niemand Ill gegenüber Wort gehalten hat und solidarisch geblieben ist. Dies allerdings wäre wohl ein allzu finsterer Blick in die Zukunft, eine tiefgehende Aufforderung zum grundsätzlichen Perspektivwechsel, wenn es mit uns nicht so enden soll wie mit Güllen.
Ich denke, Dürrenmatt und Schürmann wollen an dieser Stelle den Zeigefinger erheben, doch nicht zur moralischen Belehrung, sondern in seiner ursprünglichen Funktion zum Zeigen, zum Hinweisen auf die Mechanismen, nach denen unsere Welt und auch wir alle funktionieren. Doch sie tun dies, und nur so ist es erträglich, mit einem guten Schuss Humors, der Ihnen diesen Abend hoffentlich nicht zu allzu schwerer Kost gereichen lässt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen interessanten Abend.