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Warum man...
 

…Max Frischs Andorra heute trotzdem aufführen sollte

Max Frisch: Andorra. Für viele von uns weckt dies Erinnerungen an eine zumeist ungeliebte Schullektüre. Da wurde man gezwungen, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das die Schule für wichtig hielt. Da musste man im Text stochern, um anschließend möglichst präzise die Interpretationslinie des Lehrers zu treffen. Und schließlich wurde bestimmt auch noch eine Arbeit darüber geschrieben.

Max Frisch: Andorra. Für viele von uns weckt dies Erinnerungen an die Zeit des Sturms und des Drangs. Da glaubte man, dass sich die Welt durch Theaterstücke ändern ließe. Da kämpfte man beim Rotwein nach dem Theaterbesuch für Gerechtigkeit und Toleranz, und solch ein Stück gab Munition für die bessere Welt. Und schließlich blieben der dumpfe Schädel und das Grau des Alltags, nichts vom weiß geweißelten Bollwerk gegen die Schwarzen.

Max Frisch: Andorra. Für viele von uns weckt dies keine Erinnerungen. Ich gehe ins Theater, um einen vergnüglichen Abend zu erleben, um meine Nachbarin zu treffen und stolz zu sein auf meinen Enkel, der schon wieder so viel Text auswendig gelernt hat. Und schließlich gibt es gar nicht so viel zu lachen.

Max Frisch: Andorra.

Ich möchte an zwei Szenen exemplarisch veranschaulichen, warum man Max Frischs Andorra heute trotzdem aufführen sollte.

Zunächst möchte ich Ihr Augenmerk auf die vierte Szene lenken: Max Frisch gelingt es hier in unnachahmlicher Weise, klare Bilder zu zeichnen, die jeder auf den ersten Blick versteht, selbst der ansonsten etwas einfältige Soldat, der hier, direkt zu Beginn des Stücks, wenige Worte mit dem Pater über das Weißeln der Häuser in Andorra wechselt: Die redlichen Andorraner tünchen vor den Festtagen ihre ansonsten erdroten Häuser und auch die Kirche des Paters weiß, damit - wie der Soldat erkannt hat - darunter das Grau und die blutrote Erde verborgen werden. Dabei ist sich jeder bewusst, dass bereits ein Platzregen ausreicht, um die „Tünche herunterzusauen“. Das Ergebnis sähe dann aus, „als hätte man eine Sau drauf geschlachtet“.

Es ist nicht schwierig, dieser Bildebene eines freundlichen mediterranen Städtchens eine Interpretation aufzulagern, in welcher die Andorraner eine Maske des schönen Scheins aufmalen, von der zumindest das Grau des Alltags, wenn nicht sogar das Rot der Schuld zugedeckt wird. Der Hinweis auf die Schlachtung einer Sau verbunden mit dem Verb „heruntersauen“ erhebt dies zum Wegweiser in Richtung auf die von Frisch beabsichtigte Interpretation. Doch das Bild bleibt beileibe nicht bei dieser augenscheinlichen Klarheit, sondern lässt sich weiter tief in die Psychologie der Figuren hinein deuten. Dies ist das Erstaunliche an „Andorra“. So gehört gerade der Soldat, der das im Wortsinne Scheinheilige des Paters kritisiert, selbst zu den moralischen Vorreitern und handgreiflichen Verteidigern des edlen Andorra, verwirkt diesen Anspruch im eigenen Handeln jedoch konsequent - sei es bei der Belästigung und Vergewaltigung Barblins oder bei der Ausgrenzung des politischen Flüchtlings Andri. Und wir sind als Zuschauer durchaus auch eingeladen zu prüfen, welche Fassaden unseres Lebens wir zu Potemkinschen Dörfern ausmalen - in der bunten Bilderwelt der Medien mit ihrem Erfolgsideal und Schönheitswahn ebenso wie in unseren ganz privaten Beziehungen, wo auch wir gern den Pinsel in die Hand nehmen, um von Gelungenem zu berichten, statt die Leichen im Keller ungeschminkt hervorzuholen.

Max Frisch bezeichnet das gesamte Stück als „ein Modell“. Ich möchte, um dies etwas näher auszuführen, in eine andere eindrucksvolle Szene springen: Andri hat aufgrund massiver Bemühungen und finanzieller Anstrengungen seines Vaters eine Lehre beim Tischlermeister begonnen. Als er seinen ersten Stuhl dem Meister zeigen soll, gibt sein Freund und Geselle Fedri Andris robusten, sorgfältig verzapften Stuhl als den eigenen aus. Andri wird daraufhin für den angeblich von ihm schlecht verleimten Stuhl des Gesellen verantwortlich gemacht und verliert seine Lehrstelle.

An dieser Szene wird Vielerlei deutlich: Da ist zunächst der Geselle. Er gibt vor, Andris Freund zu sein, schnorrt Zigaretten und verkauft ihm überteuerte alte Fußballschuhe. Weder steht er zu seiner eigenen liederlichen Arbeit, noch dazu, verbotenerweise geraucht zu haben. Stattdessen benutzt er Andri planmäßig und bewusst als Sündenbock für sein eigenes Fehlverhalten. Man sieht daran, dass viel Unrecht nicht vom Himmel fällt, sondern bewusst von Menschen gemacht wird. Man sieht auch, dass es schwache Menschen sind, denen die Persönlichkeit, die menschliche Größe fehlt, zu ihren Schwächen und Fehlern zu stehen. Und dies wirft die Frage auf, wie können wir Menschen stark machen, nicht im Vorspiegeln falscher Tatsachen, wohl aber im Zu-sich-selbst-stehen, im Commitment?

Dann haben wir den Tischlermeister. Er regiert autoritär. Sein Verfahren, die Güte der Produkte zu prüfen, erinnert an mittelalterliche Hexenprozesse: Wird eine als Hexe denunzierte Frau an einem Fels gekettet ins Wasser geworfen und taucht wieder auf, dann ist sie schuldig, ansonsten aber auch tot. In seiner Vorstellung, der Herr im Hause zu sein, lebt der Tischlermeister jedoch in einer Fantasiewelt: Weder erkennt er Fedris Betrug, noch dass er grundsätzlich seit Jahren einen faulen Gesellen beschäftigt, nicht einmal ein simples Rauchverbot kann er in seiner Schreinerei durchsetzen. Hierzu fallen mir nicht nur Konzernchefs heutiger Tage ein, sondern ich denke auch an viele Familienväter, die sich als Pascha fühlen und autoritär die übrigen Familienmitglieder unterdrücken. Dabei haben sie jedoch de facto kaum eine Kontrolle über ihr Reich, und insbesondere die Cleveren und Hinterhältigen werden sie immer wieder zum Narren halten.

Gegenüber Andri ist das Verhalten des Tischlermeisters geprägt von fehlendem Respekt und tiefen Vorurteilen: Kein Rechtfertigungsversuch Andris dringt in des Tischlermeisters Ohr, er vertraut seinem Gesellen und dem Bild, in das dieser ihn einlullt. Und da verhilft auch nicht die Zerreißprobe am Stuhl zu weiterer Klarheit. Sicher bin ich mir nicht, aber denkbar scheint es doch, dass der Tischler trotz seines Angebots insgeheim nach einem Anlass sucht, Andri aus der Tischlerlehre zu entlassen („Ich hab’s ja gewusst, du gehörst nicht in eine Werkstatt.“). Er möchte ihn in eine berufliche Richtung drängen, die seinen Vorurteilen entsprechend zu einem Juden passt („Das ist’s, was deinesgleichen im Blut hat. Du kannst Geld verdienen“).

Solches Verhalten kenne ich aus vielen Gesprächen, nicht nur am Stammtisch. Da sind die Juden wieder an der Mehrwertsteuer schuld und daran, dass ich Wasser im Knie habe. Und da dringt kein Argument in die Köpfe, geschweige denn in die Herzen, das deutlich macht, dass nicht die Gefangenen von Auschwitz heute Jagdbomber im Libanon fliegen, dass die Katholiken ebenso wenig deutsch sind wie die Amerikaner evangelisch. Sondern viel zu oft passen sich Wahrnehmungen dem an, was wir wahrnehmen wollen, und am Ende können wir diesen Prozess noch nicht einmal kritisch reflektieren, da er bereits intuitiv in uns abläuft.

Und schließlich Andri: In dieser Szene gutgläubig und einfältig lässt er das Unheil auf sich zukommen. Als er bereits hoffnungslos drinsteckt, strampelt er im Disput mit seinem Chef um Luft, Recht und Gerechtigkeit, doch vergeblich. Die Botschaft für die Schwachen heißt: Seid wachsam! Achtet frühzeitig darauf, mit wem ihr euch einlasst und wer es wirklich gut mit euch meint! In unserer Welt ist das so, dass jüdische Synagogen Polizeischutz erhalten ebenso wie türkische Konsulate. Doch muss das so sein? Vor vierzehn Tagen trafen wir im belgischen Antwerpen ultraorthodoxe jüdische Männer auf der Straße, im Café, im Zoo. Auch so normal kann Europa sein. Und in Nordrhein-Westfalen darf man noch nicht einmal mit Pudelmütze Mathe unterrichten.

   
Dr. André Remy