TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Über den Tod hinaus
 

Annes Tagebuch ist ein persönliches Dokument aus einer Zeit, die Spuren hinterlassen hat. Ein Tagebuch ist normalerweise so persönlich, dass es niemanden etwas angeht. In Annes Fall wurde es veröffentlicht, weil Anne selbst es so wollte. („Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem Titel „Das Hinterhaus“ herausgeben. […] mein Tagebuch wird mir als Grundlage dienen können.“ ¹). Sie selbst hat Teile umgeschrieben oder ergänzt, Namen verändert oder zum Schutz der jeweiligen Personen gestrichen. Sie wollte schreiben und sie wollte gelesen werden.

Aber als Theaterstück? Immer wieder werden Bücher verfilmt und immer wieder gibt es Stimmen dafür und dagegen. Meist muss für das Drehbuch einiges gekürzt oder umgeschrieben werden. Bei erdachten Geschichten mag das irrelevant erscheinen, solange dem Gesamtwerk kein allzu großer Schaden entsteht. Aber bei einem Tagebuch?

Ich selbst habe Annes Tagebuch erst gelesen, als die Proben für unser Theaterstück begonnen hatten. Zwar kannte ich die Geschichte, jedoch immer von „außen“ wiedergegeben: Anne Frank, ein jüdisches Mädchen, welches zusammen mit ihrer Familie und anderen Untergetauchten über zwei Jahre lang in einem Hinterhaus lebte und letztendlich doch den Schrecken des nationalsozialistischen Regimes nicht entgehen konnte.

Ich habe das Tagebuch gelesen und festgestellt, dass sich fast alle Teile des Theaterstückes in dem Buch wieder finden lassen. Anders herum ist das - verständlicherweise - nicht der Fall. Man kann in zweieinhalb Stunden nicht zweieinhalb Jahre nachspielen, die Untergetauchten und auch die Helfer haben einiges mehr mitgemacht, als das Theater rüberbringen kann.

Doch ich stellte mir die Frage: Darf man Anne Frank - und auch andere „historische Figuren“ - nachspielen?

Annes Vater, Otto Frank, hatte sich der Anwesenheit bei der Premiere im Jahre 1955 und auch weiterer Aufführungen des Theaterstückes enthalten. Auch den später entstandenen Film hat er sich nicht angesehen. Er hätte es nicht ertragen, seine Familie, sich selbst - seine Geschichte - in Theater oder Film dargestellt zu sehen. Nichtsdestotrotz hatte er dem Stück zugestimmt, obwohl es in vielen Teilen von dem Tagebuch seiner Tochter und der Realität abweicht, denn er wollte vielen Menschen den Zugang zu Annes und seiner Geschichte und der darin enthaltenen Botschaft ermöglichen.

So wird man also Teil der Verbreitung einer Botschaft, wenn man dieses Theaterstück „Das Tagebuch der Anne Frank“ auf die Bühne bringt. Was das für eine Botschaft ist? Das sagt uns Anne selbst - mit ihren Worten, mit ihrem Wesen.

Durch ihr Tagebuch und auch durch Erzählungen ihrer Weggefährten wissen wir, dass Anne sehr vielseitig war. Ihr eigener Vater sagt, er habe seine Tochter nicht derart tiefsinnig erlebt, wie er sie später durch ihr Tagebuch kennen lernte. Anne war nach außen zumeist eine Frohnatur und machte sich gleichzeitig viele ernste Gedanken zu den verschiedensten Themen. Das waren zum einen Themen, die sie direkt betrafen, aber auch große weltliche oder religiöse Themen beschäftigten sie. Vermutlich hat sie nur einen Teil davon schriftlich festhalten können.

Die „innere Anne“ wird auf der Bühne kaum dargestellt, hierfür werden im Theater gelesene Textpassagen genutzt, welche zumeist auch einen Sprung auf der Zeitachse verdeutlichen. Auch diese Tagebucheinträge sind nicht original übernommen, sondern wurden dem Theaterplot angepasst. Das lässt sich schon daran erkennen, dass zu den genannten Daten im Original gar keine Einträge vorhanden sind.

In einem dieser fiktiven Einträge sagt Anne: „Aber… und das ist die große Frage… werde ich jemals gut schreiben können? Ich möchte weiterleben, über den Tod hinaus.“

Wenn wir ihr Tagebuch lesen, wenn wir ihre Gedanken in uns aufnehmen und auch wenn wir sie auf den Bühnen dieser Welt nachspüren können, bleiben ihre Worte, bleibt Anne lebendig.

¹ aus „Anne Frank Tagebuch“, Fischer Taschenbuch Verlag;  Eintrag vom 11.05.1944
Annika Rupp