TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Unsinniger Blödsinn?!
 

Oscar Wildes Komödie “Bunbury” zeichnet sich vor allem durch ihren feinen Sprachwitz aus.

Hierzu zu zählen ist auf jeden Fall das Wortspiel “Ernst - ernst”, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht und durch die Verbindung mit dem Wort “Bunbury” zusätzlich ergänzt wird (“Jack: Ernsthafter Bunburyist! Du meine Güte!). Auch das Gegensatzpaar “Ernst - Spaß” bzw. “Vergnügen” schleicht sich in diese Komik wirkungsvoll ein und erzeugt mitunter paradox scheinende Aussagen  (“Algernon: Für die eine oder andere Sache muss man etwas Ernst aufbringen, wenn man etwas Spaß im Leben haben will.”).

Gerade diese Gegenüberstellung ist aber keineswegs bloßer Unsinn, sondern reicht tatsächlich an die Wirklichkeit heran. Die Realität des Stückes trifft sie schon allein dadurch, dass die beiden Hauptfiguren durch die Vorgabe, Ernst zu heißen,  ihren Vergnügungen nachzukommen wissen. Aber auch außerhalb der Komödie bewirkt erst ein gewisser Ernst, dass Spaß genügend zur Geltung kommen kann, sowie auch Spaß mit angemessener Ernsthaftigkeit betrieben werden muss, um zum wirklichen Vergnügen zu werden.

Im gesamten Verlauf von “Bunbury” fallen immer wieder Aussagen auf, die einerseits als “bedeutende Wahrheit” deklariert und andererseits als “Blödsinn” abgetan werden. Sie klingen auf den ersten Blick meist ungewöhnlich, der einen oder anderen Aussagen wird man aber unweigerlich zustimmen müssen.

Im folgenden werden einige “Weisheiten” aus “Bunbury” herausgelöst, um sie an dieser Stelle einmal kontextungebunden wirken zu lassen bzw. in einen neuen Zusammenhang zu setzen: Wussten sie zum Beispiel schon, dass Frauen nie die Männer heiraten, mit denen sie flirten? Vielleicht liegt das an der Tatsache, dass ihnen ja schon nicht frühzeitig gewahr wird, mit wem sie sich verloben werden, da “eine Verlobung über ein junges Mädchen als etwas Unerwartetes hereinbrechen [sollte], angenehm oder unangenehm, wie der Fall nun liegen mag”.  Das sollte auch jeder Mann berücksichtigen, der weiß, dass “die einzige Art und Weise sich gegenüber einer Frau zu benehmen”, die ist, “sie zu verführen, wenn sie hübsch ist, und eben eine andere, wenn sie hässlich ist”.

Schade ist dabei nur, dass wohl keine Frau jemals erfahren wird, dass sie hübsch ist, denn “die Wahrheit ist nicht gerade das, was man einer hübschen, süßen, gebildeten Frau erzählt”. Wahrscheinlich wird aber doch viele Frauen ohnehin nicht tangieren, wie sie aussehen, da doch die Ansicht herumkreist, “dass gutes Aussehen ein Fallstrick ist”. Insgesamt trifft man es ohnehin nicht sehr gut, wenn man beabsichtigt zu heiraten und dabei nur auf Genuss aus ist, denn “Leute, die nur an Genuss denken, sind meistens unverheiratet”. Hieraus ergibt sich wiederum ein Appell an die betroffenen männlichen Leute: “Die Männer sollten bedachtsamer sein, gerade diese Ehelosigkeit führt schwächere Naturen vom rechten Wege ab”.

Aber nicht nur Frauen haben mit ihrer schwachen Natur zu kämpfen, “selbst Männer von erhabener moralischer Gesinnung sind äußerst empfänglich für die physischen Reize anderer”. Dabei sollte man sich doch wirklich ausreichend gut überlegen, ob man das Risiko eingehen will durch eine Heirat verstärkten Kontakt zur Verwandtschaft zu bekommen. “Verwandte sind einfach eine langweilige Bande von Leuten, die nicht im entferntesten wissen, wie man leben muss und nicht den geringsten Instinkt besitzen, wann man zu sterben hat”.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer in dieser Problematik gäbe es noch, wenn nicht “Krankheit, gleich welcher Art, [...] schwerlich etwas [wäre], das man bei anderen ermutigen sollte”. “Gesundheit ist die erste Pflicht im Leben”. Das fängt schon beim richtigen Verzehr der Butterbrote an. “Man sollte Butterbrote stets ganz ruhig essen. Es ist die einzige richtige Art und Weise, sie zu essen”. Des weiteren soll auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, der Gesundheit förderlich sein, denn “Unschlüssigkeit jeder Art ist bei jungen Menschen ein Zeichen geistigen Verfalls, physischer Schwäche bei alten”. Auch die psychischen Schwächen älterer Menschen, auch “Eltern” genannt, sind nicht zu übersehen. “Wenige Eltern nehmen heutzutage Rücksicht auf das, was ihnen ihre Kinder sagen. Der gute, alte Respekt vor der Jugend stirbt fast aus”. Hoffentlich bleiben wenigsten die obersten Prinzipien erhalten, obwohl es ja bekanntlich auch schon daran krankt. “Die zwei schwachen Punkte unseres Zeitalters sind sein Mangel an Prinzipien und sein Mangel an Profil”.

Trotzdem stehen immer wieder “Prinzipien auf dem Spiel, die man nicht aufgeben kann”. So zum Beispiel “in Dingen von schwerwiegender Bedeutung”. Dort ist “Stil das Wesentliche, nicht Aufrichtigkeit”. “Stil hängt weitgehend davon ab, auf welche Weise das Kinn getragen wird”, womit doch schon gleichzeitig ein Beitrag zur Profilbildung in der Gesellschaft geleistet wäre. Wie schwer muss es aber für einen unbewusst ehrlichen Mann sein, nach solchen Prinzipien zu leben. “Es ist eine schreckliche Sache für einen Mann, plötzlich zu entdecken, dass er sein ganzes Leben lang nichts gesagt hat, als die reine Wahrheit”. Dabei ist doch “die Wahrheit [...] selten rein und niemals einfach. Unser heutiges Leben wäre sonst sehr langweilig und unsere moderne Literatur schlechthin eine Unmöglichkeit”.

Die Existenz der Literatur scheint uns hiermit zu beweisen, dass zumindest die letzte “Weisheit” einen gewissen Wahrheitsgehalt hat. Ob das auch auf weitere Aussagen zutrifft, mag ein jeder selbst entscheiden. “Bunbury” hält bei aufmerksamem Lauschen noch viel weiteren (Un)sinn bereit...
   
Claudia Rupp