TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Minderwertigkeit und Askese
 

Gedanken zu Cyranos Psyche

Der folgende Versuch, Cyranos Innenleben etwas näher zu beleuchten, mag zunächst auf den Leser etwas befremdlich wirken, da sich gerade ein solch heikles Thema selten in Programmheften zu Amateur-Theateraufführungen findet. Vermutlich wird nicht jeder Leser gleich beim ersten Lesen des Textes dessen Inhalt sofort erfassen können. So kann ich nur empfehlen, ihn notfalls mehrmals in Ruhe und langsam zu lesen. Dann wird sich das Dunkel allmählich erhellen, und der Leser bekommt so eine differenziertere Sicht in Bezug auf die Titelfigur unseres Schauspiels.

Es ist bekannt und eigentlich überflüssig zu erwähnen, worin sich Cyrano rein äußerlich von den anderen handelnden Personen unterscheidet: Er verfügt über ein übergroßes Riechorgan.

Diese körperliche Fehlbildung schlägt sich auch ganz offensichtlich in seiner Psyche, Seele oder Innenwelt nieder. Man kann hier - ohne zu zögern - von einem echten Minderwertigkeitskomplex sprechen. Minderwertigkeitsgefühle und - im Extremfall - Minderwertigkeitskomplexe streben danach, sich in irgendeiner Form auszugleichen. Bei Cyrano geschieht das sogar auf zwei verschiedene Arten. Zunächst setzt er seiner sich selbst zugeschriebenen Hässlichkeit seinen scharfen Verstand und seine Eloquenz, seine Redekunst entgegen. Ferner aber auch eine Aggressivität, eine Kampflust sondergleichen, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten ausdrückt. Man denke nur an Valverts Ermordung durch Cyrano.

Er behält seinen Gegnern gegenüber, die er sich selbst schafft, immer einen klaren Kopf, ist ihnen geistig überlegen und nutzt diese Überlegenheit bisweilen aus, was sich dann an mancher Stelle des Stücks als Arroganz äußert. Solche Aggressionen, seien sie rein verbal oder auch körperlich, sind nach außen gerichtete, also extravertierte Handlungen. Cyrano richtet aber Aggressionen auch gegen sich selbst, indem er sich, sich selbst gegenüber, wegen seiner eingeredeten Hässlichkeit als minderwertig darstellt. Er räumt seiner Nase einen viel zu großen Stellenwert ein. Er steht sich selbst im Wege, denn er glaubt, diese Hässlichkeit würde ihm die Frauen - im Stück natürlich besonders Roxane - vergraulen. Cyranos ganze Melancholie, die sich in seinen Äußerungen gegenüber Roxane und Le Bret am deutlichsten zeigt, da er sich diesen beiden gegenüber nicht die Maske des Kämpferischen, Streitsuchenden aufsetzt, ist nichts anderes als gegen sich selbst gerichtete Aggression und somit Selbstzerstörung. Ein Satz wie "Gehasst sein ist mein Glück" spricht Bände. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Cyrano jeglicher körperlichen Bedürfnisse entsagt. Wie oft wird im Stück, in den Ragueneau-Szenen zum Beispiel, gegessen. Immer lehnt Cyrano es ab, zu essen. Man muss sich nur vor Augen führen, wie gereizt er gegenüber Ragueneau auf die Vollfress-Aktionen der Poeten reagiert. Seine Askese ist Selbstzerstörung, denn er glaubt, dass die Minderwertigkeitsgefühle nachlassen, wenn er seine Körper quält. Eine sinnvolle Deutung der Askese, allerdings nicht speziell auf Cyrano de Bergerac bezogen, bringt Roland Barthes in seinem Buch Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt am Main 1988, erschienen im Suhrkamp-Verlag. Es heißt da: "ASKESE. Sei es, dass das liebende Subjekt sich dem Liebesobjekt gegenüber schuldig fühlt, sei es, dass es ihm Eindruck machen will, indem es ihm sein Unglück vor Augen führt: es erlegt sich ein asketisches Selbstbestrafungsgebaren auf (Regelung des Tagesablaufs, der Kleidung usw.). 1. Da ich an diesem und jenem schuld bin (ich habe, ich rede mir tausend Gründe ein, es zu sein), werde ich mich bestrafen, werde ich meinen Körper verschandeln [...]. Eine sanfte Weltflucht wird das sein; gerade soviel Weltflucht, wie zum ordentlichen Funktionieren einer diskreten Pathetik erforderlich ist. Die Askese [...] wendet sich an den Anderen: dreh dich um, schau mich an, sieh, was du aus mir gemacht hast! Sie ist Erpressung: ich führe angesichts des Anderen die Figur meines eigenen Verschwindens vor, zu dem es mit Sicherheit kommen wird, wenn er nicht nachgibt (wem?)."

Diese Äußerungen lassen sich durchaus auch auf Cyrano beziehen und auf seine Beziehung zur Umwelt. Hat er nicht die Möglichkeit, seine eigene, eingebildete Minderwertigkeit auf andere zu übertragen, richtet er die Aggression gegen sich selbst. Im Grunde bedeutet die oben beschriebene Arroganz Cyranos nichts anderes, als dass er sich über andere erhebt, sie herabsetzt und im Fall von Valvert als minderwertig deklariert, um seine eigene eingeredete Minderwertigkeit zu überspielen. Cyrano setzt sich im übertragenen Sinn Masken auf. Den wahren, unmaskierten Cyrano erlebt man nur in der großen Balkon-Szene im dritten Akt. Interessanterweise spielt die Szene im Schutz der Dunkelheit, und Cyrano spricht nicht als er selbst, sondern als Christian, dessen Hut er sich zur Tarnung geliehen hat. Also doch eine Maskierung, aber eine rein äußerliche. Die Gedanken, die er formuliert sind jedoch ehrlich. Eine fast vollständige Ehrlichkeit zeigt er allenfalls seinem Freund Le Bret gegenüber.

Man kann sich fragen: Warum eigentlich dieser enorme Minderwertigkeitskomplex wegen seiner Nase? Ich glaube, der Grund ist ein falsch verstandener Männlichkeitsbegriff, der nicht nur Cyranos Verhalten bestimmt, sondern auch das der anderen beiden Werber um Roxane: Christian de Neuvillette und Graf Guiche. Diese Beiden stehen sich mit ihrer Auffassung von Männlichkeit genauso selbst im Wege wie Cyrano. Der eine glaubt, die Schönheit führe zum Ziel, der andere glaubt, er könne mit gesellschaftlicher und politischer Macht beeindrucken. Alle drei scheitern auf ganzer Linie, woran Roxane in ihrer Naivität und ihrem totalen Glücksanspruch nur sekundär die Schuld trägt.

Wer sich im Nachhinein näher mit Cyrano de Bergerac beschäftigen will, dem empfehle ich einen Aufsatz von Konrad und Elise Harrer, der als Nachwort zur original französischen Ausgabe des Stückes bei Reclam erschienen ist.

   
Björn Huestege