Der Begriff „Hosenrolle“ bezeichnet im Theaterjargon eine Männerrolle, die von einer Frau dargestellt wird. Besonders in der Oper ist die Verwendung von Hosenrollen verbreitet. Oft sind es die Pagen-Rollen, die Textdichter und Komponisten dazu veranlasst haben, sich für eine weibliche Besetzung zu entscheiden. So schrieb Mozart seinen Cherubino in „Die Hochzeit des Figaro“ für einen Mezzosopran, ebenso verfuhr Richard Strauss mit Oktavian im „Rosenkavalier“ und dem Komponisten in „Ariadne auf Naxos“. Auch Besetzungen mit Sopran sind üblich, etwa bei Meyerbeer in den „Hugenotten“ oder bei Verdi im „Maskenball“. Warum sich gerade die Pagen dazu eignen, von Frauen gestaltet zu werden, ist nicht leicht zu erklären. Ein Grund mag sein, dass dem Pagen etwas Androgynes anhaftet, was nicht zuletzt noch Thomas Mann fasziniert hat.
Das Barockstück „Don Gil mit den grünen Hosen“ von Tirso de Molina führt den Begriff „Hosenrolle“ und die damit zusammenhängenden geschlechtlichen Verwirrungen ad absurdum, zumal in der Bearbeitung von Oliver Schürmann. Zwar ist Doña Juana das gesamte Stück hindurch Frau, aber ihr gelingt es, ihrer Umwelt überzeugend vorzuspielen, sie sei ein Mann, nämlich Don Gil. Einzig ihr homosexueller Diener, der sie für einen Pagen(!) hält, bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Er stellt fest: „Ihnen wächst kein Bart, sie sprechen wie ein Sopran, sie heißen Don Gil. Das alles ist recht ungewöhnlich...“
Das Tragen von Hosen ist in diesem Stück nicht nur bloße Verkleidung, die der Verwirrung und der Unterhaltung des Publikums dienen soll. Es geht um viel mehr. Man kann zurecht mit dem bekannten Sprichwort fragen: Wer hat die Hosen an in dieser Komödie? Diese Frage ist einigermaßen schwierig zu beantworten, treten doch zahlreiche Akteure in Hosen, und vor allem grünen Hosen auf. Auf den ersten Blick sind Hosen naturgemäß ein Verkleidungsmittel par excellence, vor allem für Frauen. Durch das Tragen von Hosen gelingt es Doña Juana, sich männliche Privilegien zu erzwingen, quasi Puppenspieler zu werden, dessen Marionetten die anderen handelnden Personen sind.
Hosen, als ausschließlich Männern zugedachtes Kleidungsstück, sind erst seit dem Mittelalter bekannt. Je stärker sich Geschlechtsunterschiede mit dem Ziel einer hierarchischen gesellschaftlichen Ordnung herauskristallisieren, desto stärker treten auch Kleidungsunterschiede zwischen Männern und Frauen zu Tage. Dass sich Hosen als besonders vorteilhafte Beinbekleidung für Männer herausgestellt haben, kann damit begründet werden, dass Hosen günstige Kleidung für das mittelalterliche Reitervolk waren. Die Hose war im Mittelalter augenfälliger Bestandteil der ritterlichen Kriegstracht. Hinzu kam, dass die Kriegerkaste seinerzeit die gesellschaftlich tonangebende Schicht war. Diese Entwicklung betrifft aber im wesentlichen Westeuropa. In Arabien, Persien und in der Türkei trugen die Frauen schwerpunktmäßig Hosen.
Wie kommt es aber, dass es plötzlich möglich und sogar Usus wird, im spanischen Theater des ausgehenden 16. Jahrhunderts und des 17. Jahrhunderts Frauen in Hosen auftreten zu lassen? Der Grund kann nicht nur darin liegen, dass sich Hosen als effektvolles Verkleidungsmittel in den damals weit verbreiteten Verwechslungskomödien, den berühmten Mantel-und-Degen-Stücken, anboten. Fasst man darüber hinaus ins Auge, dass im 16. Jahrhundert das Auftreten von Frauen auf der Bühne verboten war, und statt dessen die Frauenrollen von sogenannten Mädchendarstellern gespielt wurden, wird klar, dass komplexere Zusammenhänge vorliegen müssen.
Dass Spanien eines der ersten Länder war, in denen Frauen auf der Bühne auftreten durften, lag nicht zuletzt am religiösen Weltbild dieser Zeit. Spanien weigerte sich, den Reformationsgedanken Martin Luthers, der weite Teile Europas ergriff, mit zu tragen. Statt dessen gab es in Spanien eine Gegenreformation. Das katholische Weltbild im Spanien des „Siglo de Oro“, des Goldenen Zeitalters – gemeint ist der Zeitraum von etwa 1580 bis etwa 1680 – fußte auf der Lehre, dass vor Gott alle Menschen gleich seien und nur ihre Handlungsweise, jedoch nicht die soziale Stellung zählte; denn der Mensch spielt eine ihm von Gott zugedachte Rolle, in der er sich bewähren muss. Diese Grundhaltung ermöglichte es auch Frauen, einen angemessenen Platz im öffentlichen Leben, aber auf der Bühne einzunehmen.
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts löste sich das Theater in Spanien immer mehr aus den Fängen der Höfe. In den Städten entstand eine stetig wachsende Nachfrage nach Unterhaltung und Freizeitvergnügen. Die einzelnen Schauspielergruppen mussten ein großes Stückrepertoire aufbieten, um dem Publikum ständig Neues liefern zu können. Die Ansprüche an die Schauspieler stiegen enorm. Es kam zu einer Professionalisierung des Schauspielerberufes. Schauspieler galten bis dahin als Outlaws, als vogelfreies fahrendes Volk, die mit ihrem Improvisationstheater die Zuschauer, etwa auf Marktplätzen, zu unterhalten suchten. Mit der Professionalisierung des Schauspielerberufes ging auch einher, dass die Frauenrollen an Komplexität zunahmen. Wenn es unter den Schauspielern des fahrenden Volkes Frauen gab, so galt die völlige Entkleidung als der Höhepunkt des Auftrittes einer Schauspielerin, was nicht nur der Unterhaltung des männlichen Publikums dienen sollte, sondern auch eine Bekräftigung der kirchlichen Vorstellung war, die Frau sei gemäß der neutestamentarischen Schöpfungsgeschichte etwas Primitives, Minderwertiges.
Im Zuge der Professionalisierung des Schauspielerberufes und auch im Zuge des sich seit der Renaissance wandelnden Realitätsverständnisses, wurden männliche wie weibliche Schauspieler immer stärker individuell nach ihren Fähigkeiten besetzt. Die weiblichen Rollen, durchaus auch Hauptrollen, wie in „Don Gil mit den grünen Hosen“, wurden zusehends differenzierter. Bei Tirso de Molina und seinen Zeitgenossen, etwa Calderón oder Lope de Vega, ist die Frau als zentrale Figur, als „Drahtzieherin“ der Handlung und als die Person, die (auch) die Hosen anhat, auf der Bühne gang und gäbe.