Sicherlich gibt es viele Herangehensweisen an ein Stück wie Goethes Faust. Man mag den Pakt Mephisto - Faust in den Vordergrund stellen, die Naivität Gretchens oder den Satanismus Mephistos. Für viele ist die Wette Mephisto - Herr das Wichtigste, für andere die romantische Liebesgeschichte Faust - Margarete, und ganz anderen ist das ganze Drama schnuppe, aber sie müssen es lesen, weil es in der Schule verlangt wird (dazu gehöre ich, sogar 2x, und ich hatte es damals nie ganz gelesen).
Nun habe ich jedoch einen ganz zwanglosen Zugang zu den Dingen, und mich hat vor allem die Psychologie der Hauptcharaktere fasziniert, vor allem, da die Hauptagierenden zum einen sehr unterschiedlich sind, zum anderen teilweise derartig geistige Defizite aufzeigen, dass sie einem Psychologen längere Zeit die Couch füllen könnten.
Beginnen wir mit Mephisto, der in dieser Inszenierung als Synonym für das Böse, das Schlechte gilt und quasi als Abfallprodukt aus der Schaffung des Guten entstanden ist ("Wo gehobelt wird, da fallen Späne"). Mephistos Lebenselixier ist alles, was anderen den Spaß, die Freude, das Glück verderben kann. Er weidet sich an dem Schmerz und Gram der Anderen und ist nur zufrieden, wenn er irgendwo irgend etwas zerstört hat. Dies hat er sein ganzes Dasein lang praktiziert, es wurde ihm auf die Dauer zu fade und er strebt nun nach höheren Herausforderungen, die sich in der Wette mit dem Herrn widerspiegelt. Nun will er nicht mehr selber Hand anlegen, sondern einen Anderen dazu bringen (hier Faust), nach seinem Willen Schlechtes zu tun. Sich schon als sicherer Sieger sehend, begegnet er daher Faust mit einer ungemeinen Überheblichkeit und Ironie gegenüber allem, was Faust und seine Welt ausmacht. Er scheut es sogar nicht, Margarete, ein tugendhaftes, naives Mädchen, in dieses Kräftemessen mit hineinzuziehen.
Faust hingegen befindet sich zum Zeitpunkt des ersten Aufeinandertreffens mit Mephisto in einer geistigen Apokalypse, er hat erkannt, dass er trotz lebenslangen Forschens und Aneignens niemals allwissend werden wird, sich sogar Theorien und Ansichten total ändern können, so dass seine Arbeit völlig wertlos ist. Er wird niemals an den Punkt gelangen, wo er alles erklären kann, er wird nie die Welt erklären können, nie seine Herkunft. Hinzu kommt, dass es erkennt, dass er während seiner beruflichen Tätigkeit, seiner Berufung es vergessen hat, zu leben; er hat kein Geld verdient, sich keine Ruhm eingehandelt, ja, sogar nie richtig das Glück der Liebe erfahren dürfen. Da er sein Ziel mit Studien nicht erreicht, versucht er es mit übersinnlicher Kraft, ruft die Geister an, denen er sich ebenbürtig fühlt, um so die Welt aus einer anderen Sphäre sehen zu können. Faust versucht sogar, sich umzubringen, um dann sozusagen von der anderen Seite die Geheimnisse der Welt erforschen zu können. Als ihm alles verwehrt wird, bleibt ihm in seinem wahnhaften Fanatismus nur noch die Möglichkeit, sich mit dem Teufel zu verbinden, der zu diesem Zeitpunkt leichtes Spiel mit ihm hat. Nach und nach setzen sich Fausts Tugenden wieder durch, und die wahre Liebe zu Margarete kann ihren Tod zwar nicht verhindern, entreißen ihn aber aus den Fängen Mephistos und geben ihm die Chance, aus dem Erlebten die Konsequenzen zu ziehen. Das Stück endet, wie es angefangen hat, mit dem Unterschied, dass Fausts Gesinnung und Fanatismus des Anfangs sich mit Sicherheit geändert haben dürften.
Gleichgeblieben in der Reinheit des Gewissens und der Seele ist hierbei Margarete, die eigentlich am meisten von ihrer Umwelt beeinflusst wurde. Ihr Bruder Valentin, der sehr auf sie fixiert ist und sie eher als Ehepartner denn als Schwester sieht, hält sie bewusst allem weltlichen fern und lässt sich von ihr auf ein Podest stellen und anbeten. Sie hat dafür zu sorgen, dass das Haus sauber ist, abends das Essen auf dem Tisch steht, wenn er heimkommt usw. Alles andere wird von ihr festgehalten, so dass sie völlig naiv und unberechnend mit den auf sie zuströmenden Ereignissen gar nicht adäquat umgehen kann, sondern letztendlich nur Fausts wahre Liebe spürt und sich dann ihren aufkeimenden Trieben hingibt. Die daraus entstehenden Situationen kann sie nicht mehr überblicken und in der ihr zuteil werdenden Schikane (die Mitbewohner verspotten sie, ihr Bruder verflucht sie, Mephisto stiftet sie zum Mord an) ist keiner, der sie auffängt, so dass sie am Ende dem Wahnsinn verfällt. Margarete hat in diesem Drama unschuldig Schuld auf sich geladen und ist bereit, dafür zu sühnen, was sie letztendlich tötet, ihre Seele aber rettet.
Im Gegensatz zu ihr verliert Valentin nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele. Zunächst hält er sie vielleicht in gutem Glauben von aller Realität der Welt fern, was bewirkt, dass sie sich in realistischen Situationen außerhalb der heilen Welt nicht verhalten kann, ja, sogar damit überfordert ist, dann verflucht er sie sogar noch ob ihres Verhaltens, welches eigentlich nur menschlich ist, Valentin aber wohl in seiner Eitelkeit kränkt bzw. seine Eifersucht hervorruft. Statt ihr nun beizustehen, verstößt und verhöhnt er sie.
Um das Wankelspiel zwischen Gut, Böse, Böse und sowohl Gut als auch Böse deutlicher hervorzuheben, wird hier mit den Farben Schwarz, Weiß und Grau gearbeitet. Es sind die verschiedenen Ebenen, auf denen sich die Akteure bewegen, es sind punktuelle Handlungen, welche nach ihrer moralischen, ethischen oder meiner subjektiven Interpretation im weißen, grauen oder schwarzen Bereich angesiedelt sind. So betritt Mephisto niemals den weißen Bereich, während Margarete den schwarzen meidet, er im Herzen schlecht, sie im Herzen gut.