Erfahrungsbericht und Liebeserklärung an ein ganz besonderes Ensemble
Auf einer Geburtstagsfeier im Sommer letzten Jahres brach eine Diskussion darüber los, ob wir nicht ein neues Stück für das „Junge Borbecker Musiktheater“ in Angriff nehmen sollen. Das größte Problem liegt immer darin, ein geeignetes Stück zu finden, das sowohl dem Publikumsgeschmack entgegenkommt, als auch musikalisch für die Mitwirkenden befriedigend ist. Hinzu kommt die Bedingung, dass das Stück derart komponiert sein muss, dass man es mit einer Gruppe von Laien aufführen kann. Während unseres brain stormings habe ich zu Arne Kovac und Dajana Finke gesagt, dass ich gern noch mal die Rolle des Grafen in diesem Stück spielen und singen wollen würde. Da Dajana Finke ebenfalls Interesse daran hatte, die Gräfin zu spielen, haben wir angefangen, „Figaros Hochzeit“ nochmals aus der Schublade zu ziehen und zu überprüfen, ob es sich für eine Neueinstudierung eignet. Unsere „alte“ Produktion von 1996 hat dabei Pate gestanden.
Mir ging es von Anfang an darum, so wenig wie möglich von der damaligen Aufführung zu übernehmen. Vielmehr wollte ich mich auf die Beziehungen der Personen untereinander konzentrieren, nicht nur von Gag zu Gag eilen, und fand in Thomas Krieger regielich genau den richtigen Partner. Dajana Finke und ich haben die gesamte Dramaturgie überarbeitet, d.h. einiges an Sprechtext gestrichen oder umgeschrieben, ganze Szenen gestrichen, neue eingefügt.
Neu im Ensemble ist auch Sonja Schmitz, die sich professionell um das Bühnenbild kümmert. Ein anderes Bühnenbild ist die beste Voraussetzung für die Solisten, die alten Gewohnheiten abzulegen. Ein weiterer ziemlich gut geeigneter Kunstgriff, nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen, liegt darin, das Stück an einem völlig anderen Ort, in einem völlig anderen Umfeld spielen zu lassen. So haben wir das Stück von Deutschland nach Amerika verlegt – Mozarts „Figaro“ spielt eigentlich in Spanien. Einige Anleihen haben wir bei der Serie „Dallas“ und bei dem Spielfilm „American Beauty“ gemacht. Die zwischenmenschlichen Probleme, die in Mozarts „Figaro“ thematisiert werden, unterschieden sich wenig von Problemen, die heutzutage in menschlichen Beziehungen auftreten. Allerdings gibt es auch bestimmte Handlungsstränge bei Mozart, die sich nicht ohne weiteres in die Gegenwart transportieren lassen, zum Beispiel die Tatsache, dass das Stück unmittelbar vor Ausbruch der französischen Revolution spielt. Cherubino wird beispielsweise in die Armee geschickt. Im dritten Teil der „Figaro-Trilogie“ von Beaumarchais (Mozarts Oper bezieht sich auf den zweiten Teil) ist Cherubino bereits tot. Er ist während der französischen Revolution gefallen. Ein wichtiges Problemfeld bei Mozart ist die sogenannte „ius prima noctis“ das Recht der ersten Nacht, welches besagt, dass der Hausherr von seinen Angestellten einen Liebesdienst einfordern kann. Der Graf in Mozarts „Figaro“ hat dieses Recht offiziell abgeschafft, was ihn keinesfalls daran hindert, Susanna (aber auch andere jungen Damen seines Hofes) sexuell zu belästigen. Der erste Auftritt des Chores im ersten Akt wird von Figaro inszeniert. Er hat von Susanna erfahren, dass der Graf ihr nachstellt. Er will sich rächen und überredet den Hofstaat, dem Grafen ein Ständchen auf dessen Großzügigkeit und Liberalität zu singen, weil er die „ius prima noctis“ abgeschafft hat. Da das Publikum heute nicht mehr mit den damaligen höfischen Gepflogenheiten vertraut ist, liegt es nahe, solche Stellen zu modifizieren. In unserer aktuellen Produktion ist der Graf nicht nur Ölmulti, sondern auch gleichzeitig Vorsitzender und Hauptsponsor der örtlichen Football-Mannschaft. Der Chor, bestehend aus Footballern und Cheerleaders, singt dem Grafen ein Danklied, weil er so großzügig Geld spendet.
Die Modifizierung oder Bearbeitung, ja sogar die Streichung bestimmter Handlungsstränge ist nicht mehr problematisch, wenn das Hauptaugenmerk auf den Figuren und ihren Beziehungen zueinander liegt. Und da hat Mozarts „Figaro“ einiges an Zündkraft zu bieten. Diese Akzentverschiebung zieht eine andere Art von Humor nach sich. Die feine englische Art der Inszenierung von 1996 ist einem zweifellos etwas derberen Humor gewichen, der aber nie Selbstzweck wird, sondern seine Grundlage immer in den jeweiligen Figuren und ihren Beziehungen zueinander hat.
Es gab einige Besetzungsneuerungen: In der 1996er Inszenierung gab es keinen Chor, in der neuen gibt es ihn; Tanja Beyersdorf, die 1996 die Gräfin sang, leiht nun ihre angenehme und ausdrucksstarke Samtstimme dem Knaben Cherubino, während Gaby Hindrichs, der Cherubino von 1996, mit ihrer hohen Sopranstimme und ihrer unglaublichen darstellerischen Wendigkeit die Partie der Marcellina gestaltet. Einige Solisten des aktuellen Ensembles haben noch nie als Sänger auf der Bühne gestanden. Marc Weitkowitz, der als Schauspieler in zahlreichen Hauptrollen des TheaterLaien e.V. brillierte, debütiert nun als versoffener Gärtner Antonio. Antonia Metken, die ebenfalls bisher in Schauspielproduktionen glänzte, konnten wir für die Rolle der Richterin Donna Curzia gewinnen. Zunächst habe ich nicht damit gerechnet, dass Frank Wilde und Britta Steffens für einen neuen „Figaro“ zu begeistern wären. Umso glücklicher war ich, dass ich mich in diesem Punkt geirrt hatte. Die Chance, mit teilweise denselben Darstellern wie damals noch mal an demselben Stück zu arbeiten, liegt darin, in bestimmten Bereichen tiefer in das Werk eindringen zu können, weil es im Kopf noch präsent ist und man nicht bei Null anfangen muss. Gerade wenn es darum geht, bestimmte Figurenkonstellationen herauszuarbeiten, ist das eine große Erleichterung. Andererseits hatten Thomas Krieger und ich vor Beginn der Proben die Befürchtung, dass gerade die Solisten, die 1996 schon dabei waren, schwer von den alten Ideen abzubringen sein würden. Aber schon bei der ersten Probe stellten wir fest, dass diese Sorge unbegründet war.
So verlief die Probenzeit denn auch sehr angenehm. Da wir verhältnismäßig wenige Proben hatten, blieb das sonst bei solchen Produktionen übliche „Formtief“ nach etwa zwei Dritteln der Probenzeit aus. In den meisten Fällen brauchten wir keine Textbücher auf der Bühne zu benutzen, wir konnten sofort spielen und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Dazu kommt die unglaublich große Harmonie innerhalb des Ensembles. Dadurch kann man natürlich wesentlich freier auf der Bühne miteinander agieren. Ich bin sicher, dass das Publikum dieses angstfreie Miteinander deutlich sehen wird. Für mich ist das eines der wesentlichen Merkmale unseres neuen „Figaro“.
Ich persönlich bin sehr stolz darauf, dass der „Figaro“ 2002 eine völlig eigenständige Neu-Produktion ist, und ich möchte auf diesem Wege dem gesamten Ensemble meine tief empfundene Dankbarkeit aussprechen. Eine solche Flexibilität und Kreativität ist alles andere als alltäglich.