TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Der Wissenschaftler und die Wissenschaft
 

Galilei im Wandel der Zeiten

Wenn man sich der Figur des Galilei nähert, dann schimmert der historische Forscher des 17. Jahrhunderts gleichermaßen hervor wie der politisch denkende Autor Brecht, der die Figur in die Wahrnehmung seiner Zeit eingebettet hat. Ich möchte diesem Zugriff den eines Wissenschaftlers des 21. Jahrhunderts an die Seite stellen und der Frage nachspüren, ob sich Wissenschaft in den letzten 350 Jahren wirklich wesentlich verändert hat.

Wissenschaft ist getrieben von der Neugier, diese Welt zu verstehen, und vom Wunsch, die Erkenntnisse darüber mit anderen zu teilen. Forschung und Lehre werden die beiden Seiten der Wissenschaftsmedaille genannt. Die „Freiheit von Forschung und Lehre“ ist ein hohes Gut, doch damals wie heute wird diese Freiheit nicht unwesentlich eingeschränkt.

Doch zunächst hinein in den Text und in die Zwänge, die Galileo Galilei das Forschen nicht leicht machen. „Mutter sagt, wir müssen den Milchmann bezahlen.“ – Mit diesem Verweis auf die milchlose Kunst Wissenschaft stellt sich Galileos Schüler Andrea dem Zuschauer vor. In den Verhandlungen mit dem Kurator der Universität über eine Gehaltserhöhung weiß auch Galilei, dass nur „Skudi wert ist, was Skudi bringt“. Widerwillig jedoch stellt er sich der Einsicht, dass letztendlich die Geldgeber bestimmen, was erforscht und entwickelt wird. An dieser Szene, die Galilei auflöst, indem er für den Senat von Venedig ein Fernrohr konstruiert, mit dem die hohen Herren das Treiben in den Gärten der Stadt von Weitem beobachten können, kann man sehr schön zeigen, wie Wissenschaft damals funktionierte und auch heute funktioniert: Der Wissenschaftler braucht Unterstützung, denn Wissenschaft kostet Geld. Und diese Unterstützer sind in der Regel keine Wissenschaftler, folglich tritt ein erstes Vermittlungsproblem ein, d.h. Galilei muss seine Gönner davon überzeugen, dass seine Forschung sinnvoll bzw. nützlich ist. Der reine Erkenntnisgewinn beeindruckt den Kurator dabei nicht, erst als Galilei an die von ihm konstruierten Bewässerungspumpen anknüpft und das neue Fernrohr vorstellt, findet er Gehör. In der deutschen Forschungslandschaft hat es die reine Grundlagenforschung auch schwer. Wer lukrative medizinische oder technische Errungenschaften in Aussicht stellen kann, sitzt oft schnell in den Fleischtöpfen der Fördergelder, während das Argument, „mich interessiert zu wissen, wie es ist“ wenig zählt. Folglich treibt dies Wissenschaftler dazu, Fernrohre zum Lustwillen der Oberen Zehntausend zu konstruieren. Gut, wenn der Spagat letztendlich auch Galilei befriedigt, da er mit Hilfe dieses Instruments einen völlig neuen Zugang zum Universum gewinnt und in der Astronomie zu Bahn brechenden Erkenntnissen gelangt.

Etwas anderes wird an der Fernrohrsequenz deutlich, das außerhalb der Wissenschaft wenig bekannt ist: Wissenschaft ist immer Teamarbeit, oft eine ungewöhnliche, bei der die Mitglieder des Teams zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten denken und forschen, aber alles, was heutzutage neu entdeckt wird, ist das Gemeinschaftswerk zahlreicher Wissenschaftler unterschiedlicher Epochen. Einem Professor dafür den Nobelpreis zuzuerkennen, missversteht diese Situation völlig und ignoriert, dass im Regelfall wissenschaftliche Mitarbeiter, Diplomanden und Doktoranden die wesentlichen Arbeiten vollführt haben und der die Lorbeeren einstreichende Chef oft nur die Brotkrumen aufliest und daraus ein neues Brot bäckt. Deshalb ist es aus der Wissenschaftlerperspektive wenig anrührig, dass Galilei - bei Brecht wie im wahren Leben - das in Holland erfundene Fernrohr als Idee aufgreift, es nachbaut und dann für den Lebensunterhalt und den Beweis des neuen Weltbildes einsetzt.

Ein zweiter Spagat, den Brecht ins Zentrum seines Galileis gestellt hat, ist jener zwischen freier Wissenschaft und Obrigkeit, hier am historischen Beispiel der römisch-katholischen Kirche veranschaulicht. Wissenschaft geht primär davon aus, ideologiefrei zu sein (was, wie später zu zeigen sein wird, nicht stimmt), sie geschieht jedoch zwangsläufig innerhalb von Gesellschaften, die konkreten Ideologien unterworfen sind. Besonders dramatisch ist dies für Galilei, da die herrschende Kirche nicht nur in Teildisziplinen der Wissenschaft eine vorgefertigte Meinung besitzt, sondern die grundsätzliche Art, Wissenschaft zu betreiben, infrage gestellt wird, indem die Kirche in der Geschichte des Christentums die Lehren des - wohlgemerkt - Nichtchristen Aristoteles für mit der Bibel, die selbst im Übrigen recht wenig zu naturwissenschaftlichen Fragen sagt, konform erklärte und ihn zum „göttlichen Aristoteles“ erhob. Theologisch gesprochen war allein dies schon ketzerisch. Wissenschaft bestand nachfolgend im christlichen Mittelalter darin, Aristoteles abzuschreiben.

Sehr schön kann man dies am wissenschaftlichen Disput über die Entdeckung der Jupitermonde im vierten Bild illustrieren: Die mittelalterlich denkenden Wissenschaftler fragen „Können solche Planeten existieren?“, „Sind solche Sterne nötig?“, und Galilei, der neuzeitliche Wissenschaftler, entgegnet: „Ich dachte mir, Sie schauen einfach durch das Fernrohr und überzeugen sich.“ Und weiter bittet er: „Ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen“, woraufhin ihm entgegengehalten wird: „Ich pflege mitunter, so altmodisch es ihnen erscheinen mag, den Aristoteles zu lesen und kann Sie dessen versichern, dass ich da meinen Augen traue.“

Der Übergang zur modernen Wissenschaft, wie sie uns heute zumindest in ihren Grundzügen geläufig ist, wurde im 16. und 17. Jahrhundert gelegt, deshalb ist diese historische Schnittstelle für das Verhältnis der Wissenschaft zur Obrigkeit besonders dramatisch. Doch das Problem blieb der Wissenschaft erhalten, und die Frage, ob Wissenschaftler dem Druck der Obrigkeit nachgeben, wie es Galilei getan hat, bleibt bestehen. Nicht von ungefähr heißt es im 14. Bild „Als es Ihnen dann 33 gefiel, einen volkstümlichen Punkt Ihrer Lehren zu widerrufen“, womit Brecht darauf verweist, dass exakt 300 Jahre danach in Deutschland wiederum Wissenschaftler und andere vor der Entscheidung standen, standhaft zu bleiben oder sich der Ideologie der nationalsozialistischen Obrigkeit zu beugen. Insbesondere in der frühen dänischen Fassung des Stücks von 1938 ist dieser Aspekt Brecht offenbar besonders wichtig. Denn er lässt Galilei in seinem Schlussmonolog sein eigenes Versagen auch so kommentieren: „Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können.“

Und sind wir da inzwischen weiter? Wohl kaum, würde ich sagen, wenn einer Professorin an einer staatlichen Universität in Deutschland die Lehrerlaubnis entzogen wird, weil sie einen zum Dogma erhobenen Übersetzungsfehler der römisch-katholischen Kirche in Zweifel zieht. Wohl kaum, wenn man in der Sowjetunion bis in die 50er Jahre hinein die Mendelschen Vererbungsregeln nicht erwähnen durfte, weil sich die herrschende Kommunistenclique darauf geeinigt hatte, dass Eigenschaften von Menschen, Tieren und Pflanzen eben nicht vererbt werden, sondern durch die Umwelt bestimmt sind. Wohl kaum, wenn auch heute noch etablierte Evolutionsbiologen von einem deutschen Ministerpräsidenten in einem Atemzug mit religiösen Fundamentalisten genannt werden.

Doch auch die Wissenschaft ist nicht frei von Ideologie. Dies bedingt sich sicherlich durch die fortwährende Auseinandersetzung mit der jeweils herrschenden Ideologie, hat aber auch etwas damit zu tun, dass sich Wissenschaftler gern in einem Elfenbeinturm wünschen, wo sie die Regeln der Welt nicht betreffen.

Brecht hat dies in der auch vom TheaterLaien aufgeführten, unter dem Eindruck der atomaren Bedrohung entstandenen Berliner Fassung von 1956 stärker herausgearbeitet. Wissenschaft hat immer Folgen, sei es, dass die militärische Macht der Venezianer durch die Benutzung moderner Fernrohre und Navigationsinstrumente gesichert wird, sei es, dass die einfachen Menschen beginnen, auch die soziale Ordnung zu hinterfragen, sobald das von dieser Ordnung propagierte Weltbild gefallen ist. Die erschütternde Erfahrung, dass die Spaltung des Atomkerns durch Otto Hahn in wenigen Jahren zu Hiroshima und Nagasaki führte, bewegte Brecht offenbar dazu, den Appell an die Wissenschaftler stark zu machen und ihnen die Verantwortung auch für die künftige Nutzung der Geister, die sie rufen, aufzuerlegen. Auch heute kann und muss man fragen, ob Wissenschaftler mit den Möglichkeiten der modernen Molekularbiologie und Gentechnik verantwortlich umgehen. Meiner Wahrnehmung nach sitzt zum Beispiel auf keinem Lehrstuhl für Pflanzenzüchtung ein Gentechnikkritiker, hier führt die wissenschaftsimmanente Ideologie dazu, dass Gleiche Gleichen hinzugesellt werden.

Zurück zu Galilei: Es gibt wissenschaftsimmanente Ideologie, der sich schließlich auch Galilei verpflichtet weiß: „Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wisenschaftlichen Beitrag.“ doziert Andrea in der Schlussszene. Galilei widerstrebt diese Ausrichtung der Wissenschaft auf das gedruckte Ergebnis der Forschung („O unwiderstehlicher Anblick des Buches!“), gleichwohl ist er in diesem Denken gefangen und definiert seinen Lebenssinn in den letzten Lebensjahren darin, eine Abschrift seines Hauptwerkes „Discorsi“ zu erstellen. Dies ist heute oft nicht anders. Viele Wissenschaftler tragen gescheiterte Beziehungen mit sich herum, weil die „Hure Wissenschaft“ der Familie keinen Raum mehr ließ. Ich erinnere mich an einen Habilitanden, den an der Tür seines 3 qm-Büros ein großes Schild tagtäglich an das Wesentliche erinnerte: „What have you done for your publications today? – Was hast du heute für deine Veröffentlichungen getan?“

Zum Fazit: Wissenschaft ist eines der spannendsten Unterfangen, die die Menschheit entwickelt hat. Sie treibt Menschen an, und seit den Tagen Galileis bauen die Erkenntnisse der Wissenschaftler aufeinander auf. Dabei ist es erstaunlich, dass es trotz aller Bedrängnisse wie finanzieller und ideologischer Abhängigkeiten immer wieder gelungen ist, die Wissenschaft voranzubringen. Es gibt sie, die immer differenziertere Sicht der Welt und des Weltalls, es gibt sie, die elektrischen Zahnbürste, den MP3-Player, das Fotohandy…

   
Dr. André Remy