TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Brecht bricht – mit bürgerlicher Moral
 

Die Keuschheitsballade in Dur

An exponierter Stelle, nämlich ziemlich genau in der Mitte des Stücks, platziert Brecht die „Keuschheitsballade in Dur“. Bereits 1918, also ein Jahr bevor er „Die Hochzeit" niederschrieb, notierte er in seiner Sammlung „Lieder zur Klampfe von Bert Brecht und seinen Freunden“ eine Notenskizze zu dem Gedicht „Der Jüngling und die Jungfrau oder Die Keuschheitsballade in Dur“; das Gedicht selbst fehlt dort, findet aber 1919 in den Einakter „Die Hochzeit“ Eingang. Spätestens zur Uraufführung im Jahr 1926 wurde es mit der Musik von Hans-Dieter Rosalla unterlegt.

Klingen in der „Kleinbürgerhochzeit“ als frühes Brecht-Stück zwar erst sanfte Töne des Epischen Theaters an, kann man die „Keuschheitsballade“ doch ohne Zweifel zu solchen zählen. Auf der Oberfläche - der leicht angetrunkene Freund des Bräutigams singt für die Hochzeitsgesellschaft ein (ziemlich versautes) Lied - ist noch kein Verfremdungseffekt auszumachen. Doch ein genauerer Blick auf Inhalt und Aussage der Ballade wird dieses Vor-Urteil widerlegen:

Der Jüngling und die Jungfrau hegen Gefühle und sexuelles Interesse für- und aneinander. Da aber nach bürgerlicher Moralvorstellung, die Brecht stets scharf kritisiert, eine junge Frau, die sich Geschlechtsverkehr vor der Ehe wünscht, eine „Dirne“ ist, nehmen beide vorerst Abstand von ihrem Verlangen. Die Frau, weil sie in den Augen ihres Freundes eben nicht als eine solche „Dirne“ gelten, der Mann, weil er seine Freundin nicht „entweihen“ will. So kommt es zwischen beiden lediglich zu gegenseitigen Küssen auf die „Stirne“. Durch diese scheinbare Lösung ist das Problem jedoch nicht aus der Welt, vermochten die Stirnküsse nämlich nicht, die „Flammen“ der sexuellen Begierde „zu löschen“. Stattdessen suchen sich beide heimlich einen anderen Geschlechtspartner: Er geht zu „einer Hur“, deren „Leib“ zwar „Lethe“, also alles andere vergessen machend ist und die ihn in die „Feste der Natur“ einführt; die ihn aber auch zum „Speien“ bringt. Seine Freundin hingegen „hängt [...] sich an einen strammen Kerl, der keine Skrupel hegt.“ Der Ort der sexuellen Vereinigung - eine Treppe - zeigt bereits an, dass es sich um einen flüchtigen Akt handelt, der die „Gier“ der Frau dennoch erst richtig weckt.

So wird der Schein nach außen gewahrt, allerdings zu dem teuren Preis, dass sie sich gegenseitig hintergangen haben. Schuld daran sind nach Brecht nicht die Verliebten selbst, sondern die moralischen Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft, die er durch den sarkastischen Duktus, in dem die Ballade gehalten ist, als Heuchelei zu entlarven sucht.

Innerhalb des Stücks zieht dieser Sarkasmus jedoch nicht. Fast alle Anwesenden nehmen das Lied mit Empörung, ja als „Zote“ auf. Eine Ausnahme bildet hier die Frau, die sich köstlich über die Ballade zu amüsieren scheint; nachdem die Braut dem Freund, der die Ballade zum Besten gegeben hat, aus Scham antwortet, sie habe das Lied „vielleicht nicht verstanden“, setzt jene entgegen, dass es ja auf die Braut nicht ziele. Das hat seinen Grund. Anders nämlich als beim besungenen Liebespaar ist es zwischen Braut und Bräutigam schon vor der Hochzeit zum Geschlechtsakt gekommen, so dass die Braut schwanger in die Ehe geht; ein Geheimnis, das im Laufe des Stücks noch preisgegeben wird - natürlich von der Frau.

Auch wenn diese im Laufe des Stücks durch ihre boshaften Bemerkungen stets als Störenfried der ach so gutbürgerlichen Hochzeitsgesellschaft auffällt: im Prinzip ist sie es, die Brecht am stärksten funktionalisiert, um die bourgeoise Scheinheiligkeit ad absurdum zu führen. Mit ihrer Rechtfertigung: „Wenn eine schwanger ist, dann ist sie eben schwanger“, durchbricht sie eine Moral, die Brecht als verlogen und falsch ansieht. Dass sie dadurch das Ende der Feier und somit symbolisch das Scheitern des bürgerlichen Ethos einläutet, ist nur konsequent.

In Bezug auf die Keuschheitsballade lassen sich nach diesen Beobachtungen also zwei Rezipientenebenen ausmachen. Zum einen die Hochzeitsgesellschaft, die das Lied entsetzt zur Kenntnis nimmt, ohne den intendierten Sinn zu begreifen; zum andern das Publikum, von dem sich Brecht verspricht, dass es seine über den eigentlichen Inhalt des Stücks hinausgehenden Implikationen versteht.

Analoges lässt sich auch über die Funktion des Vortragenden sagen. Der Freund des Bräutigams, der kurz vor seinem musikalischen Auftritt auf anzügliche Weise mit der Braut tanzt, hat sicherlich keine moralische Läuterung seiner Zuhörer im Sinn. Dadurch aber, dass die Ballade sich thematisch und in Bezug auf die Vortragssituation (gesungen wird eher zum Publikum als zur Hochzeitsgesellschaft) vom Rest des Stücks ablöst, trägt der Schauspieler, der den Freund verkörpert, seine Rolle für kurze Zeit ‚vor sich her’; eine Methode, die in den späteren Brecht-Stücken im Zuge der Umsetzung des Epischen Theaters zum Normalfall wird. Unterstützt wird dies vom Kommentar des Freundes über sein Lied („Ja, es ist gut. Besonders die Moral!“), ein Hinweis Brechts ans Publikum, die dahinter stehende Moralkritik oder, wie Fritz Hennenberg es nannte, die „bissige Entlarvung von Ideologie“ zu verstehen.

   
Tim Meier