TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
„Macbeth mordet den Schlaf“
 

Die kürzeste der Tragödien Shakespeares zeichnet sich durch ihr Wechselspiel von Gut und Böse, Natürlichem und Widernatürlichem, Hellem und Dunklem aus.

Eine bedeutende Rolle spielen dabei die Hexen, die als widernatürliche Wesen im Reich des Dunklen herrschen und durch gezieltes Eingreifen in die Welt die Menschen für das Böse zu faszinieren wissen. In diesem Falle halten sie vielversprechende Prophezeiungen für Macbeth und Banquo bereit, die von den beiden Heerführern jedoch unterschiedlich aufgenommen werden. Während Banquo an der Wirklichkeit der Hexen zweifelt und eher an eine Sinnestäuschung glaubt, ist Macbeth von den Hexenerscheinungen sehr angetan. Zwar weiß er sie auch zunächst nicht einzuordnen, doch verfällt er der Verlockung ihres Wesens und beginnt, an die Verheißung, er solle Than von Glamis, Than von Cawdor und sogar König werden, zu glauben. Unterstützt wird dies durch die Erfüllung der beiden ersten Teile der Prophezeiung – Macbeth wird Than von Glamis durch Erbfolge und Than von Cawdor durch die Verurteilung des vorhergehenden Thans, der sich des Landesverrats schuldig gemacht hat. Tragisch ist an dieser Stelle des Dramas, dass der König Duncan gerade Macbeth zum Nachfolger des Verräters ernennt, der wenig später selbst zu seinem grausamen Mörder werden wird. Durch die Ernennung zum Than von Cawdor trägt Duncan somit quasi einen Teil zu seinem eigenen Mord bei, da mit seinem Tun die Hexenverheißung in Erfüllung geht und Macbeth bestärkt wird, sich an den dritten Teil der Prophezeiung zu klammern.

Die Tragödie von Macbeth würde aber andere Wege gehen, gäbe es Lady Macbeth nicht. Macbeth selbst ist in seinem Wesen zu erfüllt von „Milch der Menschenliebe“, wie Lady Macbeth erkennt. Da sie aber von dem Gedanken an Macht und Königswürde ganz ergriffen ist und sich ihr Leben an der Seite ihres Mannes als Königin ausmalt, sieht sie sofort, dass sie  selbst auf Macbeth einwirken muss, um ihnen zu ihrem gemeinsamen „Glück“ zu verhelfen. Dazu verschafft sie sich in einem Ruf an die dunklen Mächte Mut. Allein die Forderungen an die „Morddämonen“ wie „füllt mich vom Wirbel bis zur Zeh randvoll mit wilder Grausamkeit!“ zeigen, wie entschlossen und wie grausam bereits aus eigenem Antrieb heraus Lady Macbeth ist. Durch diese Nähe zu der Dunkelheit bestärkt, schafft sie es schließlich, ihren Mann von dem mörderischen Plan, den sie ersonnen hat, zu überzeugen.

Dabei werden in den Gesprächen zwischen Macbeth und seiner Frau immer wieder die Zweifel der Hauptfigur deutlich. In Monologen drückt Macbeth aus, wie sehr ihn sein schlechtes Gewissen plagt, er wälzt seine Gedanken an den Mord hin und her, verfällt in Wahnvorstellungen, wird aber von Lady Macbeth immer wieder wachgerüttelt. Nach der Tat in der Mordnacht ist er schließlich so „wach“, dass er keinen Schlaf mehr finden kann; er hat den Schlaf gleich „mit umgebracht“. So rufen zumindest die Stimmen, die er hört: „Schlaft nicht mehr, Macbeth mordet den Schlaf“, den Schlaf, der sich als Motiv durch die gesamte Tragödie zieht.
Schon die erste Hexe hatte auf diese Situation angespielt, als sie sagte: „Kein Schlaf, durch meinen Zorn, Tag und Nacht sein Aug erquickt“. Auch diese versteckte Voraussage wird also wahr. Schon vor dem Mord an Duncan kündet sich Macbeth’ „Schlafstörung“ langsam an („den verhangnen Schlaf quälen Versucherträume“), während Macbeth’ Gegenspieler Banquo, der nach der Verheißung viele Könige als Nachkommen haben soll, dem umgekehrten Problem begegnet („Ein schwerer Schlaftrieb liegt wie Blei auf mir, und doch möcht ich nicht schlafen“).

Dabei ist zu beachten, dass der Schlaf in „Macbeth“ in großer Nähe zum Tode steht. Lady Macbeth versetzt den Schlaftrunk der Kämmerlinge, auf die der Königsmord abgewälzt werden soll, mit Wein und gebraucht diese Tatsache als weitere Anstachelung für Macbeth: „Wenn nun im vieh’schen Schlaf ertränkt ihr Dasein liegt, so wie im Tode, was könntest du und ich dann nicht vollbringen am unbewachten Duncan?“ Auch sagt sie: „Schlafende und Tote sind Bildner nur“, was ebenso die Nähe zwischen Tod und Schlaf verdeutlicht wie Macduffs Ausruf an Banquo und Malcolm nach dem Königsmord: „Werft ab den flaum’gen Schlaf, des Todes Abbild ... Steigt wie aus eurem Grab!“, genauso wie Macbeth’ Feststellung: „Duncan ging in sein Grab, sanft schläft er nach des Lebens Fieberschauern“. Der schwere Schlaftrieb des Banquo kann somit auch als Vorausdeutung auf seinen bevorstehenden Tod gedeutet werden (schließlich muss Macbeth den Mitwisser und Gegenspieler ebenfalls beseitigen).

Das Motiv des Schlafes hat allerdings noch eine andere Seite, denn der Entzug des Schlafes ist nicht etwa gleichbedeutend mit ewigem Leben. Dies zeigen die Qualen des Macbeth, wie auch der Wunsch des Lenox „damit ... wir von neuem schaffen mögen den Tafeln Speis und unsern Nächten Schlaf“. Der Schlaf hat also auch in  „Macbeth“ trotz oder gerade aufgrund seiner Nachbarschaft mit dem Tode eine ruhende, friedliche Komponente. Die Wichtigkeit des Schlafes für den Menschen erkennt auch Lady Macbeth in einer Szene, in der sie wieder einmal Stellung zu dem Verhalten ihres Mannes bezieht: „Dir fehlt die Würze aller Wesen, Schlaf“.

Lady Macbeth treibt mit ihren Kommentaren zu Macbeth die Handlung voran, indem sie ihn antreibt. Dieser erkennt selbst den Widerspruch zwischen Wollen und Tun, der in seinem Wesen herrscht: „Ich habe keinen Stachel, die Seiten meines Wollens anzuspornen“. Die Funktion des Stachels übernimmt also Lady Macbeth. Trotzdem bleibt nicht aller Ansporn an ihr hängen. Macbeth selbst steigert sich so in die Verlockung des Dunkels hinein, dass er einen zweiten Kontakt mit den Hexen sucht. Lady Macbeth dagegen tritt nie mit den Hexen direkt in Verbindung und gibt sich nach außen als liebenswerte Person, der niemand solch grausames Innenleben zutrauen würde.
Während der zweiten Hexenbegegnung, die nach dem Mord an Duncan stattfindet, treten drei Erscheinungen auf, die Macbeth vor Macduff, der sich schon früh von ihm abgewendet hat und den Rachefeldzug gegen ihn antritt, warnen. Dabei kleiden sie allerdings ihre Worte in scheinbar unmögliche Geschehnisse, indem sie behaupten, Macbeth schade „keiner, den ein Weib geboren“ und er werde „nie besiegt, bis einst hinan der große Birnams Wald zum Dunsinan feindlich empor steigt“. Obwohl Macbeth in seiner ersten Begegnung mit den Hexen die Widernatürlichkeit akzeptiert und sich nicht an Aussagen und Erscheinungen, die der menschlichen Logik widersprechen, gestört hat, so betrachtet er an dieser Stelle die Worte doch mit logischem Sinn. Er hält also die Warnungen der Erscheinungen für Versicherungen, sein Leben sei unantastbar, denn welcher Mann ward schon nicht von einem Weib geboren und wer hat je einen Wald gehen sehen? Der Fehler, den Macbeth hier begeht, wird ihm in seiner ganzen Tragweite bewusst, als Macduff ihm im Kampf gegenübersteht und verkündet, dass er „vor der Zeit geschnitten ward aus Mutterleib“ und der Wald in Form von mit Zweigen bewaffneten Kriegern zur Burg Dunsinan vorrückt.

Da kommt allerdings jede Einsicht zu spät und auch Lady Macbeth kann ihrem Mann nicht mehr helfen; die beiden Verbündeten haben sich mit zunehmendem Wirken in der Dunkelheit und Grausamkeit immer weiter voneinander entfernt. So wie Macbeth dem Wahnsinn verfallen ist, der ihn zu immer neuen Bluttaten angetrieben hat, so hat Lady Macbeth auf ihre Art den Verstand verloren. In den Nächten läuft sie schlafwandelnd umher – sie findet, wie ihr Mann in der Mordnacht, keinen friedlichen Schlaf mehr. Vergeblich versucht sie ihre Hand von Blut rein zu waschen, doch „alle Wohlgerüche Arabiens könnten diese kleine Hand nicht wohlriechend machen“. Dabei hatte sie doch, den Mord vor Augen, noch voller Überzeugung gegenüber Macbeth behauptet: „Ein wenig Wasser reint uns von der Tat“.

Welch Fehleinschätzung! – die nicht allein in „Macbeth“ steht.
   
Claudia Rupp