Nicht erst seit dem großen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard wissen wir, dass es möglich ist, Tragik und Komik derart miteinander zu verbinden, dass sich die Grenze zwischen beidem bis zur Unkenntlichkeit verwischt, ohne dass es zu einer Einheit kommt.
Nun lassen sich die werke Thomas Bernhards schwerlich mit Gilbert & Sullivans vergleichen. Die Größe und Tiefe des Bernhardschen Welttheaters erreichen sie nicht. dennoch balancieren die beiden englischen Autoren in ihren Werken ebenfalls sehr geschickt mit der tragischen und komischen Ebene. „Der Mikado“ zeigt das vielleicht besonders deutlich. Zweifellos handelt es sich bei diesem Werk um eine Komödie, die grob betrachtet manchmal allzu platt daherzukommen scheint.
Beispielsweise kann man zurecht fragen, warum dieses Stück in Japan spielt; hat doch die Musik Sullivans etwa soviel mit Japan zu tun, wie Bizets „Carmen“ mit Gelsenkirchen. Mag sein, dass Japan einerseits den Textdichter Gilbert zum Erfinden von aberwitzigen Namen, anderseits den Komponisten Sullivan zum Erfinden vermeintlich japanisch anmutender Melodien angeregt haben mag. Mag auch sein, dass die beiden Autoren dem Geschmack ihrer Zeit folgen und deshalb exotische Themen verarbeiten, weil es dem Publikum gefiel. Es kann aber auch sein, dass der Schauplatz Japan nicht zuletzt deshalb gewählt wurde, um vom Heimatland England abzulenken. Denn der Beamtenstaat, den Gilbert & Sullivan in „Mikado“ beschreiben, hat direkten Bezug zum Beamtentum im damaligen England und kann durchaus als Kritik verstanden werden.
Diese Doppelbödigkeit zwischen Ernsthaftigkeit im Sinne eines kritischen Blicks, sei es auf den englischen Beamtenstaat, sei es auf einzelne handelnde Personen im Stück, zeichnet den „Mikado“ in besonderer Weise aus. Vertiefend möchte ich das an einer kurzen Musiknummer deutlich machen. Ziemlich am Ende des Stücks versucht der Scharfrichter Co-Co, quasi aus einer Notsituation heraus, die sehr aparte Katisha für sich zu gewinnen. Da er mit dem Dreschen von Gedichtversen bei ihr nicht ankommt, besinnt er sich auf die Macht der Musik. Co-Co singt das sogenannte „Titwillo-Lied“. In diesem Lied geht es um einen kleinen Vogel, namentlich um einen Zaunkönig, der vor Liebe zu einem Zaunkönigweibchen Selbstmord begeht. Ein Musterbeispiel für Tragikomik. Die Musik nimmt ihrerseits darauf Bezug. In einem sehr ruhigen As-Dur entrollt Co-Co seine Geschichte mit der Einfachheit und Selbstverständlichkeit, ja fast Unverbindlichkeit eines Volksliedes. Und gerade diese Einfachheit lässt den äußerst komischen, da unerwarteten Höhepunkt des Liedes erschreckend tragisch erscheinen.
Wie äußert sich diese Tragikomik in den Figuren?
Die Tragikomik bezieht sich fast ausschließlich auf Situationen und Figurenkonstellationen, fast nie auf einzelne Personen. Die meisten handelnden Figuren sind eigentlich weniger Charaktere als Typen, in einem durchaus positiven Sinn. Denn es sind stark individualisierte Typen, aber mit wenig Tiefe. Der einzige wirkliche Charakter in diesem Stück ist Katisha. Nie ist Sullivans Musik so reich, so farbig, so differenziert, wie wenn er für Katisha schreibt. So zum Beispiel bei ihrem furiosen ersten Auftritt am Ende des ersten Aktes oder während ihrer Arie im zweiten Akt. Man könnte meinen, dass Gilbert & Sullivan für Katisha besondere Sympathie empfunden haben. Sie ist die einzige Person auf der Bühne, bei der die Zuschauer und Zuhörer eine Chance haben, mitzufühlen. Im Gegensatz zu Katisha wirken alle übrigen Personen wie Witzfiguren, was sicherlich beabsichtigt ist. Aber auch Katisha ist keine wirklich tragische Figur. Auch sie wird ironisch beleuchtet, etwa dadurch, dass sie über einen magischen Ellenbogen verfügt. Die ironischen Brechungen beziehen sich aber im Gegensatz zu allen anderen Figuren eher auf körperliche Dinge, als auf das, was sie sagt oder tut. Vielleicht ist es zu spekulativ, aber möglicherweise ist Katisha die einzige, die für ihre Situation nichts kann, die sozusagen ein mehr oder weniger unschuldiges Opfer ist. Alle anderen Personen scheinen an ihrer Situation eher mehr als weniger selbst schuld zu sein.
Dennoch lässt sich bei Gilbert & Sullivan nie genau festlegen, wo die Komik endet und die Tragik beginnt. Es ist auch nicht wichtig, die Entscheidung zu treffen. Der große Wert der Tragikomik liegt darin, dass Tragik und Komik sich zur gleichen Zeit auf ein und dieselbe Sache beziehen können.