TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Wissen ist Macht
 

Wissen ist Macht - nichts wissen macht auch nichts. Getreu diesem Motto habe ich damals (oder aus der Sicht von „unser Herr Krieger“1: vor kurzem) den Physikunterricht in weiten Teilen ignoriert.

Glaubt man dem Stück „Die Physiker“, war das wohl eine kluge Wahl. Zeigt uns Dürrenmatt doch, wie belastend für den Einzelnen und zugleich gefährlich für die Gemeinschaft zu viel Wissen sein kann.

Hierbei scheint die Macht des Wissens einzig und allein destruktiven Zwecken dienlich. Erstaunlicherweise wird von den drei Physikern Kilton, Eisler und Möbius nicht einmal in Betracht gezogen, dass die „Weltformel“ und das „System aller möglichen Erfindungen“2 der Menschheit zum Guten gereichen könnten.

Schön wäre es, wenn wir nun folgende Erkenntnis dem Stück entnehmen würden: Physik an und für sich ist gefährlich. So könnte man energisch (und zur Freude Etlicher) ein generelles Physikunterrichtsverbot fordern (die Schüler sollen ja schließlich nicht zu den Wegbereitern der Apokalypse ausgebildet werden) und, falls dieses nicht erlassen werden sollte, zumindest mit ruhigem Gewissen während des Physikunterrichts wichtige Dinge (wie zum Beispiel Tetris 9.8 auf dem Handy spielen) erledigen. Ich hätte meine Freude daran gehabt (wenn damals schon Tetris 9.8 oder Handys existiert hätten).

Für einen kurzen Moment sieht es sogar so aus, als lägen wir richtig mit unserer etwas plumpen These. Immerhin verbietet auch Möbius seinem Sohn pauschal Physiker zu werden.

So einfach wird es uns letztlich aber leider doch nicht gemacht. „Die Wirklichkeit ist uns [Physikern] nicht gewachsen“, sagt Möbius und will damit sagen: Die Menschheit kann mit den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht umgehen.

Dass die Physik bei Dürrenmatt eigentlich für sämtliche Naturwissenschaften steht, liegt auf der Hand. Dürrenmatt wählte, auf Grund der damals aktuellen Schreckenserfahrung mit der Atombombe, für sein Stück die Physik als Beispiel.

Würde dieses Stück heute geschrieben, hätten wir es möglicherweise nicht mit Physikern sondern mit Experten der Gentechnologie zu tun. Die Aussage bliebe jedoch die gleiche: Die Menschen können mit den Gefahren der Wissenschaft nicht umgehen.

Diesem Problem kann man nun auf zwei Weisen begegnen. Entweder versucht man wissenschaftliche Erkenntnisse generell zu unterdrücken oder aber die Menschen müssen lernen, verantwortungsvoll mit der Wissenschaft umzugehen. Die erste Alternative ist zum Scheitern verurteilt, wie sich am Ende unseres Stückes herausstellt. Bleibt nur die Hoffnung in die Weiterentwicklung der Menschheit in eine verantwortungsbewusste Gesellschaft. Diese Möglichkeit erscheint jedoch so abwegig, dass sie in „Die Physiker“ nicht einmal thematisiert wird. Möglich, dass Dürrenmatt sich täuscht. In Bezug auf Gentechnologien gibt es immerhin schon Ethikkommissionen zur Genüge, die sich mit den möglichen Konsequenzen dieser Wissenschaft auseinander setzen sollen. Ob das ausreicht, dem destruktiven Potenzial der Biologie, Physik oder Chemie entgegenzutreten? Oder ob wir damit im Gegenteil die Wissenschaft zu stark einengen und so auch mögliche positive Entdeckungen verhindern?

Wer weiß.

1 Der Chef vom TheaterLaien
2 Beide entdeckt von Johann Wilhelm Möbius

   
Christoph Maaßen