Die Frauen in Julias Leben
Julia, kaum 14 Jahre alt, ist insbesondere durch die Behütung ihrer Eltern und ihres Vetters vor der Außenwelt und der eher kühlen Atmosphäre des Familienlebens ein weltfremdes, naives, oftmals tapsiges Kind. Wo andere Mädchen schon Frau und verheiratet, wenn nicht gar Mutter sind, spielt sie mit Puppen und flüchtet sich in Sachen Liebe in eine eigene höhere Poesie. Diese Poesie, diese Liebe, die sich nur im Kopf abspielt bringt sie schließlich mit Romeo zusammen, der die gleiche Poesie hegt, der die „Kopfliebe“ mittlerweile höher als die körperliche stellt. Viel zu schnell, quasi im Zeitraffer, wird sie nach der heimlichen Hochzeit mit Romeo zur Frau, verteidigt die Tötung Tybalts vor dessen Geliebter, stellt sich ihrem Vater entgegen, entschließt sich zu einem Experiment mit ungewissem Ausgang (dem Scheintodsein) und beendet ihr Leben ohne zu zögern bei Erkennen des Scheiterns aller Pläne.
Julias Mutter, kaum 30 Jahre alt, erscheint hingegen älter, als sie ist. Das Leben hat sie - warum auch immer - verhärmt und innerlich ausgekühlt. Insbesondere das Mutter-Tochter-Verhältnis ist sehr distanziert. Gräfin Capulet konnte ihre Tochter nicht stillen und auch in den Jahren war sie nicht in der Lage, geistig, wie körperlich eine Nähe zu Julia aufzubauen. Es findet keine Umarmung statt, es wird kein Trost gespendet, selbst als Julia vermeintlich tot im Bett liegt, reicht es nur für ein kurzes Anstupsen der Tochter.
Julias Amme, knapp über dreißig liegend, ist hingegen ein Ausbund an Mütterlichkeit. Ihr eigenes Kind verstarb und sie säugte stattdessen Julia. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus der Zuneigung echte Liebe und die Amme gab Julia Wärme, Schutz und Trost mit einer Hingabe, die der Gräfin als eigentliche Mutter bald völlig fehlte. Sie wurde zudem zu einer Art Busenfreundin, die sogar die Verbindung mit dem Sohn des ärgsten Feindes des Vaterhauses unterstützt und Julia verzeiht, dass Romeo ihren Geliebten (Tybalt) umgebracht hat. Die Amme hat sich in der kühlen, vielleicht wenig beredsamen Atmosphäre des Hauses Capulet ihre eigene Nische geschaffen als ewig plapperndes, nie auf den Punkt kommendes, aber sympathisches Wesen. Dabei ging ihr aber auch der kompetente Umgang mit Krisensituationen verloren. Sie ist unfähig, auch mal argumentativ durchzuhalten und lässt sich von lauteren Personen beeinflussen. Dies zeigt sich insbesondere, als sie nach dem Zwiegespräch zwischen Julia und ihrem Vater bezüglich der Hochzeit mit Graf Paris Julia rät, Paris zu heiraten - um des lieben Friedens willen.
Die Männer in Romeos Leben
Anders als bei Julia, wo hauptsächlich Frauen die Wegbegleiter sind, ist Romeo eher von Männern umgeben.
Romeo, wohl etwas älter als Julia, hat mit der körperlichen Liebe kein Glück gehabt, er scheint sich nach etwas höherem, sich eher im Kopf als zwischen den Leisten abspielenden zu sehnen. In Julia hat er nun die richtige Partnerin gefunden, beide besitzen die Gabe, ihre Liebe und Zuneigung in immer wieder andere Worte und Beschreibungen fassen zu können, was nicht nur den Geist gleichermaßen anstrengt wie befriedigt, sondern diese Liebe auch im Kopfe und Herzen mehr festigt, als ein Kuss, eine Umarmung oder mehr. Daher ist die unvermeidliche Hochzeitsnacht hier auch nur eben angedeutet (wenn sie überhaupt so stattfand, wie wir uns das vorstellen) und die gesprochen Worte drehen sich an dieser Stelle auch schon wieder in poetischer Weise um den Zeitpunkt des drohenden Abschieds.
Benvolio ist Romeos bester Freund, ein Wegbegleiter, der stets Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, der versucht zu schlichten oder einen Streit erst gar nicht anfangen zu lassen. Ein Fels in der Brandung sozusagen, an den man sich gut anlehnen kann und mit dem Romeo auch seine Probleme bespricht, wie zum Beispiel das Fehlschlagen seiner Beziehung zu Rosalinden, vordergründig zwar, weil sie ihm die körperliche Liebe verwährte, eigentlich aber, weil er merkte, dass sie, wenn überhaupt nur zu dieser Art der Liebe zu gebrauchen gewesen wäre.
Mercutio ist ebenfalls ein guter Freund Romeos, charakterlich aber genau das Gegenteil Benvolios. Wild, vorlaut, halbstark. Zunächst ist er jemand, der andere gerne neckt und mit derben Späßen heimsucht, zudem ist er einer Rauferei oder einem Fechtkampf nicht abgeneigt. Dies macht ihn aber auch zu einem der Hauptakteure wenn es darum geht, die Fehde zwischen den Capulets und Montagues aufrecht zu halten. Eine Fehde, von denen wahrscheinlich nur noch der alte Ohm Capulet weiß, warum sie überhaupt entstand. In Tybalt findet er ein dankbares Pendant, weshalb es nicht verwundert, dass gerade die beiden ständig aneinander geraten und zwischen diesen beiden der Streit derart eskaliert, dass letztendlich beide dabei sterben müssen.
Pater Lorenzo ist für Romeo das, was die Amme für Julia ist. Ein Zufluchtsort für seine Sorgen, ein väterlicher Freund. Lorenzo fristet eher ein tristes Dasein in seiner Kapelle in Verona und seine einzige wirkliche Zerstreuung ist das Züchten von Pflanzen und Kräutern und das Herstellen verschiedener Tränke. Im Innern hofft er, einmal etwas Großes vollbringen zu können - vielleicht einen Trank zu brauen, der die Menschheit von einer schlimmen Krankheit befreien kann; vielleicht ein besonders schwarzes Pfad zur Verwunderung aller auf den rechten weg zurück zu führen; vielleicht… Als Romeo mit der Bitte, ihm und Julia zu helfen zu Pater Lorenzo kommt, willigt er ein, wobei sein eigentliches großes Ziel unbemerkt schon in ihm aufkeimt, nämlich als Konsequenz der Verbindung zwischen Romeo und Julia die Versöhnung der beiden zerstrittenen Häuser. Und auch als seine Pläne zu scheitern drohen erweist er sich als findiger Gehilfe und will wenigstens die Liebe zwischen Romeo und Julia durch einen innovativen Trank retten. Letzten Endes kann man zwar sagen, das alles, was Lorenzo erreichen wollte auch eingetroffen ist - die Liebenden sind auf ewig vereint, Capulet und Montague reichen sich friedfertig die Hände -, doch der Weg dahin hat viel Leid und Leben gekostet.