Ein zynischer Blick auf die Zweierbeziehungen in "She Loves Me"
"She Loves Me" - sie liebt mich. Große Worte. Aber wer liebt denn hier eigentlich wen? Das Stück heißt ja nicht "Georg liebt Amalia" oder "Herr Duckelas liebt Kundin 1". Dem Titel gemäß könnte jeder jeden, jede jede, jeder jede oder jede jeden lieben. Selbst inzestuöse Liebesbeziehungen wären prinzipiell nicht ausgeschlossen. Aber da in "She Loves Me" keine Geschwister oder Menschen in ähnlichen verwandtschaftlichen Verhältnissen auftreten, hält sich dieses Risiko in kalkulierbaren Grenzen. Jugendfrei und sittengerecht ist dieses Musical in jeder Beziehung. Ja, diese Beziehungen sind so jugendfrei und sittengerecht, dass es einem übel aufstößt. "Hätte ich das gewusst!", werden Sie sagen. Wenn es Zweierbeziehungen in der Art, wie sie in "She Loves Me" vorkommen, wirklich gibt, dann kann man der Welt nur wünschen, dass alle Menschen sich ein Beispiel daran nehmen. Der Beruf des Partnerschafts- und/oder Eheberaters würde der Psychologie-Geschichte angehören. Soviel Harmonie, soviel herzzerreißende Menschlichkeit braucht keine Therapie. Oder doch??? Würde nicht die Menschheit an ihrem "inneren" Frieden, an der Harmonie, an ihrer wesensgemäßen Menschlichkeit zugrunde gehen??? Seien wir doch ehrlich! Glaubt irgendwer daran, dass Georg und Amalia, nachdem sie sich nach einem endlosen peinlichen Verwirrspiel endlich gefunden zu haben scheinen, ein Paar fürs Leben sind? Allein, dass sie sich nur über ihre Briefe und die schönen Künste definieren, zeigt schon, dass diese Partnerschaft nicht die geringste Chance haben wird. Wer hat eigentlich in einem Anflug kortikaler Inkontinenz der Welt eingeredet, es käme nur auf die berühmten, sagenumwobenen, wie auch immer gearteten, aber immerhin viel zitierten "inneren Werte" an? Amalia ist es, wie sie selbst sagt, völlig gleichgültig, wie ihr Brieffreund aussieht, es zählen für sie nur seine Briefe - viele, viele Briefe. Merkt sie nicht, dass sie sich ins Unglück stürzt?! Georg ist da etwas cleverer. Er schwärmt zwar auch von Briefen - vielen, vielen Briefen, aber er sagt zumindest an keiner Stelle, dass das alles sei, worauf er Wert lege. Vielleicht hat der arme Kerl ja wirklich noch eine Chance, könnte man denken. Aber dann kommt Weihnachten. Die durch zuviel Harmonie und Glückseligkeit zu einem Wackelpudding gelierende Luft erstickt jeglichen Rest gesunden Menschenverstandes im Keime und es kommt zu folgendem, an Peinlichkeit kaum mehr zu übertreffenden Gesprächsfetzen zwischen Georg und Amalia:
| Amalia: |
Das war ein Tag, was Herr Nowack!? |
| Georg: |
Ganz bestimmt, Fräulein Vanderbraan! |
| Amalia: |
Oh, vielen Dank für das Buch. Es war phantastisch. |
| Georg: |
Freut mich, dass es Ihnen gefallen hat. Nehmen Sie heute den Bus nach Hause, Fräulein Vanderbraan? |
| Amalia: |
Ja! |
| Georg: |
Darf ich sie zur Bushaltestelle begleiten? |
| Amalia: |
Sehr gerne, Herr Nowack. |
Nein, wie niedlich!! Na dann kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen!
Die anderen mehr oder weniger handelnden Personen verstricken sich ebenfalls in allerhand Beziehungsdickicht. Herr Duckelas, dessen Frau mit Stephan Kodály fremdgeht, lässt sich notgedrungen auf die erfrischend unaufdringlich herumflennende Kundin 1 ein, die - bei uns von einem Mann gespielt - gewisse homoerotische Neigungen des Herrn Duckelas freilegt. Jim krallt sich noch eben Kundin 2, Max krallt sich noch eben Kundin 3, Ilona krallt sich noch eben den Bibliotheksdetektiven Ock, und das Beziehungspaket ist geschnürt; so fest geschnürt, dass einem die Luft wegbleibt.
Ist nicht das chaotische und sehr schwindelige Verhältnis zwischen Ilona Feldbusch und Stephan Kodály die einzig glaubwürdige Beziehung des Stückes? Die Zukunft mag darüber entscheiden. Wünschen wir Georg, Amalia und all den anderen frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr, auf das sie endlich klug werden.
Das Schlusswort soll Paul Watzlawick haben, der zurecht fordert:
"Es ist höchste Zeit, mit dem jahrtausendealten Ammenmärchen aufzuräumen, wonach Glück, Glücklichkeit und Glücklichsein erstrebenswerte Lebensziele sind. Zu lange hat man uns eingeredet - und wir haben treuherzig daran geglaubt -, dass die Suche nach dem Glück uns schließlich Glück bescheren wird."