Ein Klassiker der französischen Literatur steht heute auf dem Programm des Theater Laien, Jean-Baptiste Molière, der große Meister der Komödie, und anders als die Dramen aus den Federn eines Shakespeare oder Goethe, die mit ihrer philosophischen und gesellschaftskritischen Lehre wahrlich zeitlos dahintreiben und ständig aktuell sind, ist die Komödie stets ein Kind ihrer Zeit, wie ein Witz, der einige Wochen überall zu hören ist, aber schon bald nicht mehr als ein müdes Grinsen hervorruft. Daher nimmt es nicht Wunder, dass uns ein Stück präsentiert wird, das nicht nur „gründlich entstaubt“ erscheint, sondern bei dem man sich wahrhaft anstrengen muss, um zwei oder drei zusammenhängende Sätze des Urtextes zu entdecken.
Doch hier reiht sich der junge Autor Oliver Schürmann ein in eine lange Tradition der Bearbeitung bzw. der Ausschlachtung älterer Werke: Der „Tolpatsch“ wurde in seinen Grundzügen schon in attischen Amphitheatern vor der Zeitenwende gespielt, und hierher stammt auch die Figurenkonstellation der „Freien Bürger“ Lelio, Anselm und Pandolf , die den Sklaven Celia und Mascarill gegenüberstehen. Während Molière diese Stände unverändert aufgreift, obgleich es auch dem Publikum des siebzehnten Jahrhunderts sicherlich nicht leicht gefallen sein dürfte, sich in diese Gesellschaftsordnung hineinzudenken, macht Schürmann den Schritt hin zur Neuzeit und erschafft die moderne Sklaverei einer Sekretärin oder eines Hoteldieners. Den größten Teil der Handlung hat Molière vom italienischen Komödiendichter Nicolo Barbieri abgeschrieben, allein die Übersetzung der Hauptfigur „Scappino“ ins französische „Mascarille“ ist sein Werk. Dazu hat er aus einem Schubladenstück flacher Figuren eine etwas anspruchsvollere Charakterskizze gemacht, die zumindest bei „Mascarille“ ausgeführt wird, nicht zuletzt, weil der Meister selbst denselben im „L'Étourdi“ zu verkörpern pflegte.
Wichtig für das Verständnis des Stückes und für die notwendigen vorgenommenen Veränderungen sind die Grundprinzipien der Molièreschen Komik, einer Komik des Charakters, der Situation und des Wortes: Wollen wir uns diesen drei Techniken nacheinander annähern und sehen, was Molière bzw. Schürmann daraus im „Tolpatsch“ gemacht haben.
Die Komik des Charakters versteht sich als Skizze von Menschen oder Typen, die nicht in ihre Umgebung passen, sich nicht flexibel auf Veränderungen im Laufe der Handlung einstellen können und so stets irgendwie deplaciert erscheinen. Im „L'Étourdi“ ist dies in erster Linie der Titelheld, der zu bedauernde Lelio, der mit viel Gefühl und Engagement um seine Liebe Celia ringt, aber sich selbst dabei stets im Wege steht. Mal ist es purer Zufall, dass er einer Ausheckung seines Dieners Mascarill unkundig diesem in die Parade fährt, mal fragt man sich, ob jemand im wahren Leben wirklich so tölpelhaft sein kann. Oliver Schürmann hat dies Prinzip beibehalten; auch über seinen Lelio lässt es sich herzlich lachen oder weinen, wenn er die Kostüme für den Maskenball vertauscht oder im Übereifer sich als Fachmann im Simpson-Prozess beweisen will.
Das zweite ist die Situationskomik, die sich in erster Linie in einer Zusammenstellung unerwarteter Handlungsstränge und Verhaltensmuster ausprägt: So wirkt das Erscheinen des totgeglaubten Pandolf auf Anselm völlig unverständlich und lässt ihn an seinem Weltbild zweifeln, ebenso frohlockt der Zuschauer bei anderen Streichen Mascarills, weil er sich im Besitz der Wahrheit weiß im Gegensatz zu den Figuren auf der Bühne, die sich noch redlich um die Aufklärung jedes einzelnen Phänomens bemühen müssen und uns dabei mal in ihrer Unzulänglichkeit, mal in ihrer Pfiffigkeit ein Schmunzeln zu entlocken wissen. Meisterhaft wirkt hier die zentrale Tanzszene im dritten Akt, eine Neuerung Schürmanns in alter aristotelischer Deutung des dritten Aktes als Spannungshöhepunkt des Dramas, hier werden Verwirrungen gesponnen, von den Figuren geplant und sich kreuzend - so Hippolytes Annäherungsversuche an den alten Pandolf, Celias Vorstoß Richtung Lelio und die Vorbereitungen für die mitternächtliche Entführung - aber auch höhere Gewalten helfen mit, das Verwirrspiel auf die Spitze zu treiben - da wird Andres eingeführt und direkt dritter Bewerber um Celias Gunst, da bringt Lelios „fehlerhafte“ Kostümverteilung Truffaldin und Leander zueinander und alle klugen Pläne durcheinander - kurzum, alles, was bis dahin einer Klärung entgegenzustreben schien, wird gründlich aufgemischt, umgerührt und den beiden letzen Akten zur Entknäuelung übergeben.
Last, but not least ist da noch die Komik des Wortes, ein vielseitiges Mittel, das Molière und Schürmann gleichermaßen beherrschen und jeder in seiner Zeit und Sprache trefflich zu verwenden weiß. Hierzu gehört der spontane Wechsel von lyrisch-tänzerischen Versen zu derber Gassensprache ebenso wie der feine Wortwitz, der wie ein roter Faden auch die banalsten Gespräche durchzieht. So ist im Titel aus dem etwas antiquierten Terminus „in fünf Aufzügen“ die spritzige Formulierung „Komödie mit einem Fahrstuhl und fünf Aufzügen“ entstanden, um Wortklauberei geht es auch in der kleinen sketchartigen Episode, in der Mascarill Anselm seine Geldbörse abluchst und Lelio sie kurz darauf wieder verliert: Dieses vom ostdeutschen Kabarettisten-Duo „Herricht und Preil“ entlehnte Motiv macht deutlich mehr her als der profane Diebstahl der Börse in der Molièreschen Fassung, und, dessen sei man sich stets eingedenk, solch eine Komödie lässt sich problemlos um einige Episoden erweitern oder raffen, ohne die Aussage oder Wirkung des Stückes zu zerstören.
Vieles ließe sich noch anmerken, an versteckten Gags und offensichtlichen „Schenkelklopfern“, und womöglich ist eine vollständige Aufzählung noch weniger möglich als bei einem moralinsauren Lehrstück, denn jedermanns Humor ist ein anderer, dieser mag über eine Formulierung schmunzeln, während jener sich köstlich über eine bewusst ungeschickte Geste amüsiert. Und hierin liegt der große Schatz einer so vielschichtigen Komödie, dass auch beim zweiten oder dritten Besuch das Entdecken neuer Aspekte der Erheiterung das Gähnen über Altbekanntes überwiegt.
Man kann abschließend festhalten: Aus einem alten, guten Stoff sind schon viele bunte Kleider genäht wurden, Oliver Schürmann hat mit seinem „Tolpatsch“ ein weiteres Glanzstück hinzugefügt, welches aus dem großen „Original“ Molières bestimmt nichts Schlechteres gemacht hat.