TheaterLaien e.V. Theater Essen Borbeck
 
Phänomenologie der Bohne
 

„Elende, völlig Elende! Haltet von den Bohnen euere Hände zurück!“ (Empedokles)

Die Antwort auf die Frage danach, was Stephen Sondheim, Pythagoras von Samos und Kurt Tucholsky miteinander verbindet, ist im Grunde recht einfach: Bohnen.

Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche, aber beim zweiten Hinsehen sich als literarisch, philosophisch und auch politisch bedeutsam entpuppende Antwort: literarisch, da Sondheim für sein Musical Into the Woods das Märchen Hans und die Zauberbohnen beträchtlich verfremdet; philosophisch, da Bohnen bei Pythagoras und seinen Schülern erstens etwas völlig anderes bedeuten als schlichtes Gemüse und zweitens weil aus dieser Bedeutung eine allgemeine menschliche Lebensregel abgeleitet wird (das Bohnenverbot); drittens schließlich politisch, da Bohnen bei dem deutschen Satiriker Tucholsky als heiter-absurdes Beispiel deutscher - vermeintlich tugendhafter - Gründlich- und Tüchtigkeit herhalten müssen.

Ob das Märchen Hans und die Zauberbohnen und das Bohnenverbot des Pythagoras tatsächlich in einer absichtsvollen Beziehung zueinander stehen, wird sich wahrscheinlich nicht beweisen lassen. Offenkundig jedoch scheinen die Parallelen: Hans steigt über die monumentale Bohnenranke in einen anderen Teil seiner alltäglichen Welt, um dann dadurch in vor allem materieller Hinsicht zu profitieren. Und auch andere verwenden die gewaltige Bohnenranke als Transportmedium: der Riese, und - in Sondheims Fassung - die Riesin; für alle drei aber ist das Bohnengewächs Verbindung zwischen dem einen und dem anderen Reich, zwischen einem Diesseits und einem Jenseits.

Bei Pythagoras nun ist das Bohnenverbot ein Verbot, weil „es ist genau das gleiche“ sei, „Bohnen zu essen und die Köpfe der Eltern.“ Dass dies ein Gleiches sein soll ergibt sich schlicht daraus, dass die menschliche Seele, so Pythagoras, nach dem Tod in andere Lebewesen übergehen kann und daher das Töten und Essen von Arten jener Lebewesen einem Mord gleichkomme. Die Bohne nun - und man erinnere sich jetzt an die an der Bohne auf- und absteigenden Riesen samt Hans - die Bohne zählt zu dieser Kategorie Lebewesen, da „durch den hohlen Stängel die Seelen auf die Erde zurückkehren können“! Was sich bei einer an dieser Stelle naheliegenden tiefenpsychologischen Interpretation des Märchens von Hans und den Zauberbohnen ergäbe, sei hier nicht weiter erörtert.

Um jedoch die Erörterung über die Bedeutung der Bohnen bei den Pythagoreern abzuschließen, sei der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen, dass der Philosoph Empedokles von Akragas im 5. Jh. v Chr. nicht in solch vehementer Weise vor den Bohnen warnt, weil er um die berüchtigte blähende Wirkung der Hülsenfrucht fürchtet, sondern aus Gründen der Empfängnisverhütung und als Warnung vor übermäßigem Geschlechtsverkehr! Daher: „Elende, völlig Elende! Haltet von den Bohnen euere Hände zurück!“ Die Bohnen bedeuten hier also aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu den männlichen Zeugungsgliedern nichts anderes als Hoden, welche ja bekanntlich eine Schwangerschaft mitermöglichen - und letztere gilt es zu vermeiden!

Mit den vorsokratischen griechischen Philosophen ist die Phänomenologie der Bohne als literarische, philosophische und politische Hülsenfrucht aber keineswegs zu einem Ende gekommen: Während die Bohne in der Bibel ausschließlich als Nutzpflanze vorzufinden ist (2 Samuel; Ezechiel), bewahrt sie in der antiken Dichtung ihren Symbolgehalt (bei Aristophanes, Lukian, Martial und Homer), kann darüber hinaus ihren Platz in der klassischen deutschen Literatur behaupten (bei Grillparzer, Platen, Grabbe, Immermann und Thoma) und spielt zudem auf der Opernbühne immer wieder entscheidende Nebenrollen: in Busonis Turandot, in Humperdincks Hänsel und Gretel, in Sondheims Into the Woods und - nicht zu vergessen - in Alban Bergs Wozzeck, in der Wozzeck eine recht eigentümliche Diät vom exzentrischen Kompaniearzt verordnet bekommt: „Hat er schon seine Bohnen gegessen, Wozzeck? Nichts als Bohnen, nichts als Hülsenfrüchte! Merk’ er sich’s!“

In unserem Alltag ist die Bohne zwar ein weltweites Grundnahrungsmittel, aber manchmal ist etwas „nicht die Bohne wert“, oder aber jemand hat „Bohnen in den Ohren“; und galt die Bohne im alten Ägypten als unrein, so ist sie in Japan noch heute ein Symbol für Fruchtbarkeit und Reichtum. Glück schließlich beschert eine in einen Kuchen eingebackene Bohne ihrem Finder, dem „Bohnenkönig“ (oder es wird angenommen, der Finder oder die Finderin würde sich zuerst verloben).

Aber ganz abgesehen von Glücksbohnen, von verhängnisvollen - aber dennoch operntauglichen! - Zauberbohnen und von Bohnen mit Seelenwanderungsoption, gelangt die Acker-, Puff-, Pferde-, Sau-, Vieh-, Garten-, Schmink-, Busch-, Stauden- und Veitsbohne erst in der Weimarer Republik zu angemessener politischer Ehre: „Am 17. Juli 1920 wurde durch Erlass II C Nr. 25436545/III 5A des Landwirtschaftsministeriums in Berlin das Reichsbohnenamt begründet. Chef des Reichsbohnenamts: Herr Prorektor A. Stellwagen.“ Letzterer nämlich hatte errechnet, dass „abgefallene Bohnen allein in der Provinz Sachsen, bei, sagen wir, einem Areal von, na, zwanzigtausend Morgen, imstande wären, die Festung Przemysl drei Monate lang zu ernähren... Er war ein tüchtiger Statistiker. Er setzte die Zipfelmütze ab. Das ging nicht.“ Kurt Tucholsky, dem wir diese Geschichte verdanken, stellt daher abschließend fest: „Und das Reichsbohnenamt blühte und gedieh, und Stellwagen blühte auch und gedieh auch, und Kindes- und Kindeskinder dieses Mannes werden noch in sein Amt eintreten können, für sie ist gesorgt, denn aufgelöst wird es nie - habt ihr schon einmal gehört, dass ein deutsches Amt jemals aufgelöst worden wäre-? [...] Bohnen brauchen wir gar nicht. Ein Reichsbohnenamt - das brauchen wir!“ Na dann - ab in den Wald!

   
Adrian Niegot