Theater-Laien gaben die „Kleinbürgerhochzeit“
„Bei den Modernen wird das Familienleben so in den Schmutz gezogen!“, lässt Bertolt Brecht den Vater in „Die Kleinbürgerhochzeit“ monieren. Und weil Brecht ebenfalls ein Moderner ist, nimmt er das Familienleben in seiner Milieustudie auch mächtig aufs Korn. So sorgten Streit, Lästereien und kaputte Möbel für Begeisterung bei den Zuschauern des TheaterLaien.
Nachdem das Ensemble wie gewohnt im Frühjahr mit „Zeugin der Anklage“ ein spannendes Stück auf die Bühne gebracht hatte, gab es für den Herbst Amüsantes für die Zuschauer. „Die Kleinbürgerhochzeit“ war mit nur einem Akt und rund einer Stunde Spieldauer ein für TheaterLaien-Verhältnisse kurzes Stück, doch passte die Milieustudie mit ihren skurrilen Wendungen, witzigen Dialogen und gut getimten Pausen bestens zum Ensemble unter der Gesamtleitung von Tim Meier.
„Die Kleinbürgerhochzeit“ erzählt vom angeblich schönsten Tag im Leben: dem Hochzeitstag. Was aber als fröhliche Feier im kleinen Rahmen mit Eltern, Verwandten und Freunden geplant ist, wird schnell zum Desaster: Die viel gelobten, vom Bräutigam selbst gezimmerten Möbel brechen eins nach dem anderen zusammen, der Brautvater erzählt eine langatmige pointenlose Geschichte nach der anderen, der Freund des Bräutigams baggert die Braut an und die Freundin der Braut verkündet deren Schwangerschaft – die Stimmung wird immer schlechter, bis sich schließlich alle – inklusive des Brautpaares – in den Haaren haben.
Fenja Steffen und Thomas Krieger überzeugten als frisch vermähltes Ehepaar, denen ihre eigenen Feierlichkeiten nach und nach immer mehr aus den Händen gleiten. Sie zeigten sich erst als glückliches Paar, das zueinander steht, wurden dann immer kühler und feindseliger einander gegenüber und schafften es in den letzten Zügen des Stückes doch noch, ihre Beziehung wieder zu erwärmen. Marc Weitkowitz begeisterte als redseliger Brautvater: Dem 35-Jährigen scheinen die Rollen von Herren im fortgeschrittenen Alter zu liegen.
„Die Kleinbürgerhochzeit“ forderte dem Ensemble nicht nur schauspielerisches Geschick ab, auch Musik, Gesang und Tanz mussten zumindest Teile der Schauspieler auf die Bühne bringen. Glück für die Zuschauer, dass das einige Schauspieler des TheaterLaien sängerisch aktiv sind, sonst hätte man das Stück vielleicht niemals auf die Bühne gebracht. Tim Meier jedenfalls bewies in seiner Rolle als Freund des Bräutigams bei der „Keuschheitsballade in Dur“ echtes Gesangstalent. Gleichzeitig begleitete er sich selbst mit der Gitarre – die Gitarrengriffe für dieses Lied und den Walzer, zu dem einige Ensemblemitglieder auf der Bühne das Tanzbein schwangen, hatte er extra für das Brecht-Stück eingeübt. Von seiner Unerfahrenheit auf der Klampfe merkte man allerdings nichts, und auch die tanzenden Schauspieler brauchten sich nicht hinter dem Vorhang verstecken.
Ein weitere Highlight des Stückes waren die vom Bräutigam gebauten Möbel, die während der Feierlichkeiten nacheinander auseinander fielen. Da brach erst ein Fuß von der Chaiselongue, dann mehrere Stühle zusammen und schließlich riss man Beine vom Tisch, Schränke auseinander und ließ Klinken über die Bühne fliegen: Die Vorbereitung der Requisiten war bei diesem Stück eine wahre Meisterleistung.
Brechts Einakter hat es also in sich. Das Ensemble des TheaterLaien jedenfalls erntete viele Lacher und noch mehr Applaus für ihre kleinbürgerliche Hochzeit.